Schriftsteller Akif Pirinçci:Neonazis geben für ihn viel zu gute Opfer ab

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Pirinçci ist kein Rechtsextremist, auch wenn ihm im Netz ein paar gruselige Gestalten zuprosten. Ein Extremist, ja: in Sachen Krawall und Fäkalsprache. Aber Neonazis? Die geben für ihn viel zu gute Opfer ab. Neben den bereits erwähnten Minderheiten kriegen in "Deutschland von Sinnen" auch die "ekelhaften, primitiven Ausländerhasser" ihr Fett weg. Der geisteskranke Rassist ist dabei, "mit seinem halluzinierten Blick auf die Welt vom KZ-Turm herab", und der "Hygiene-Schizo, der in seinem Wahn dunkle Haut und alles Abweichende von der Norm mit seiner schmutzigen Unterwäsche verwechselt".

Aber die anderen, die selbstgerechten Inländerhasser, kriegen eben auch die Hucke voll. Am liebsten bei Facebook, wo Pirinçci sich fast täglich seinen beiden Hobbys hingibt: Linke beleidigen und jungen Frauen hinterherhecheln. Pausen legt er nur ein, wenn er wegen eines anstößigen Eintrags gesperrt wird. Das kommt allerdings recht häufig vor.

Was ist da passiert? Wie konnte aus Akif, dem netten Fabelonkel, Pirinçci, der Turbodeutsche, werden? Das, sagt er, habe etwas mit dem bizarren Verhältnis der Einheimischen zu ihrem Land zu tun. Und mit denen, die hier einwandern.

"Wir hätten ihm auf den Knien gedankt"

Er finde es "zum Kotzen", wenn Menschen aus dem Ausland hierher kämen und Forderungen stellten. In "Deutschland von Sinnen" beschreibt Pirinçci, wie das war, als er mit seinen Eltern 1969 hier ankam, in der Hand nichts als einen Pappkoffer: "Die Türkei bot uns nichts, keine Chance, keine erste und keine zweite, einfach gar nichts. Wir waren so arm, dass wir uns am Ende nicht einmal mehr Holz oder Kohle zum Heizen für den Winter leisten konnten. Wir empfanden es als unfassbares Geschenk, dass Deutschland uns aufnahm. Hätte man uns gebeten, wir hätten ihm auf den Knien gedankt. Aber das tat man nicht. Man gab uns nur zu verstehen: Arbeitet, geht zur Schule, macht etwas aus eurem Leben, ihr seid uns nichts schuldig, außer vielleicht, dass ihr ein produktiver, kreativer und bereichernder Teil dieses Landes werdet."

Sein Vater, ein Brummifahrer, sei keinen einzigen Tag seines deutschen Erwerbslebens arbeitslos gewesen, erzählt Pirinçci stolz. Dass es hier Sozialhilfe für Menschen gebe, die nichts tun, hätten seine Eltern erst erfahren, als sie Mitte der Achtzigerjahre wieder in die Türkei zurückgekehrt waren, um dort ihren Lebensabend zu genießen.

Der zweite Teil von Pirinçcis Wut richtet sich gegen die Autochthonen, heute besser bekannt unter dem Spottnamen, den der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir ihnen geschenkt hat: "Bio-Deutsche". Die kennt der assimilierte Deutsche Pirinçci auch. Sie sind seine Nachbarn.

Grimmiges Lächeln

"Schön hier, was?" Der Schriftsteller führt gleich zu Beginn des Treffens durch die Bonner Südstadt. Sein Viertel. Hier, im Zentrum der alten rheinischen Republik, sieht die Welt noch sehr in Ordnung aus. Die Autos sind dick und deutsch, und die geputzten Fassaden der Gründerzeithäuser strahlen in der Märzsonne.

"Vor einiger Zeit wollten sie hier ein Asylantenheim hinstellen", erzählt Pirinçci. Das sei dann aber gescheitert. Am Protest der Bewohner. "Wissen Sie, was die gesagt haben? Die Asylanten können sich bei uns nicht richtig einleben. Weil es hier doch zu wenige Ausländer gibt." Also sei das Heim woanders hingestellt worden. Pirinçci lächelt grimmig. Die Mittelmeerinsel Lampedusa, vor der alle paar Wochen verzweifelte afrikanische Flüchtlinge elendig im Meer ersaufen, sei für seine Bonner Nachbarn eine Art europäisches Guantanamo. Über die Asylpolitik der EU könnten sie sich abends in den Lokalen rund um die feine Poppelsdorfer Allee lange und sehr eloquent aufregen. Aber wehe, die Konsequenzen der eigenen Überzeugungen erreichen das heimische Viertel.

Der Spaziergang ist zu Ende. Wir stehen vor Pirinçcis Haus: vier Stockwerke aus dem späten 19. Jahrhundert mit Garten in bester Lage. An der Rückseite hat der Hausbesitzer die halbe Fassade weggerissen, um eine gewaltige Glasscheibe einzusetzen. Seitdem kann er auch von seiner frei stehenden Badewanne im Obergeschoss aus in den Garten gucken.

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