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Leben und Arbeiten:Wohnst Du noch oder arbeitest du schon?

Vorstand

"Der Vorstand" von Nils Holger Moormann misst - je nachdem: 37,5x95x230 cm oder 170x95x230 cm

(Foto: Nils Holger Moormann)

Eigentlich ist es ein Schrank, doch darin verbirgt sich ein perfekt eingerichteter Arbeitsraum für die Home-Office-Generation: Nils Holger Moormann hat mit "Der Vorstand" das ironiebegabte Möbel entworfen.

Von Gerhard Matzig

Der nackte Mann, versteckt im ehelichen Schlafzimmer-Schrank, dazu der Satz der Ehefrau, man könne ja alles erklären ("Es ist nicht, wie du denkst"): Diese wirtschaftswunderliche Pointe dürfte so oder so nicht mehr ganz zeitgemäß sein. Zumal in pandemischen Zeiten, da sich viele Menschen im gemeinschaftlichen Home-Office befinden, wo sich außerplanmäßig Erotisches selten und jedenfalls kaum im Verborgenen entfaltet.

Umso schöner lässt sich jetzt Nils Holger Moormanns Arbeitszimmer, das sich ebenfalls in einem Schrank versteckt, entfalten. Und sogar auf Rollen herausfahren. Womöglich sogar im Schlafzimmer, aber sicher auch dort, wo das Wohnen derzeit aus- und das Arbeiten unter Homeoffice-Bedingungen denkwürdigerweise einzieht: im Wohnzimmer.

Moormann, ein Ironiker der sonst lustbefreiten Design-Szene, nennt sein dezent vorstehendes Möbel "Der Vorstand". Die Vorstände der Deutschland AG dürften gerade darüber nachsinnen, wie man die neue Lust am Home-Office wieder einhegen - und trotzdem all die frei gewordenen Büro-Quadratmeter anderweitig vermieten kann. Wie man das Management kennt, wird die in Videokonferenzen herbeidiskutierte Lösung darin bestehen, die Leute in geschrumpfte Biohazard-Großraumbüros zu pferchen, wobei aus pandemischer Vorsorge alle fünf Sekunden ein schleimhautintensiver PCR-Test zu machen ist, der per Slack kommuniziert wird. Statt solcher Ideen ist ein Vorstand-Möbel durchaus zu empfehlen.

Dieser sieht im Normalfall aus wie ein besserer Schuhschrank und steht dort, wo er das Wohnen nicht weiter stört. Wenn aber das Leben dieses schöne Wohnen doch einmal stören sollte, etwa in Form eines Anrufs von der Chefin, die das Home-Office-Wesen zu mehr Office und weniger Home anleiten möchte, dann ist die Stunde des Vorstands gekommen. Auf Rollen lässt sich die Front herausfahren, sichtbar wird ein im Korpus verankerter Sekretär mit herausklappbarer Tischplatte. Der Ziehharmonika-Mechanismus nimmt ein Deckensegel auf, das Licht spendet.

Menschen kann man auch darin verstecken

Es gibt Steckdosen, USB-Schnittstellen und eine Smartphonehalterung. Die Sekretär-Rückwand ist magnetisch, zwei Regalfächer sind für Büroutensilien vorgesehen - und damit das alles hübsch analog rüberkommt, dient eine Stiftablage Leuten, die Digitalien für ein Land hinterm Brenner halten, als Sehnsuchtsmoment. Der montierbare Vorhang lässt auch an die Foto-Automaten im Kreisverwaltungsreferat denken. Das Raumwunder auf Vollgummi-Rollen misst im sozusagen erigierten Zustand 170 Zentimeter in der Tiefe. Zum Schrank geschrumpft sind es gerade mal knapp 37,5 Zentimeter. Das Möbel ist knapp einen Meter breit und gut zwei Meter hoch. Das Tiny House Movement ist um einen winzigen Arbeitsraum reicher.

Es ist, als würde dieses osmotisch gedachte Wohn-Arbeits-Möbel eine jüngst vorgestellte Studie des Baufinanzierungsvermittlers Interhyp flankieren. Dort wurde nach den "Auswirkungen der Pandemie auf die Wohnsituation der Deutschen" gefragt. Ambivalentes Ergebnis: Ein Drittel der Befragten verbringt Zeit im Home-Office, allerdings verfügt die Hälfte davon über kein separates Arbeitszimmer. Dennoch wollen nur 15 Prozent zurück ins Büro-Gehege. "Ein eigenes Arbeitszimmer wird deshalb", so die Studie, "bei der Immobiliensuche ein wichtiges Thema."

Doch dort, wo immer mehr Menschen wohnen, in den Städten, ist der Raum knapp - und ein eigenes Arbeitszimmer meist illusorisch. Diese Raumnot bringt ein Zimmer ins Spiel, das zu den jüngeren und überflüssigeren Erfindungen der Wohnkultur gehört: das Wohnzimmer. Bis ins 18. Jahrhundert hinein, als die Menschen, die zwischen Wohn- und Arbeitsräumen kaum differenzierten, noch das "ganze Haus" als eine mehrgenerationsfähige Lebens- und Arbeitsstätte in einem bewohnten, war das Wohnzimmer bautypologisch und wohnkulturell kaum bekannt. Es wurde nicht gewohnt, sondern gelebt. Die Räume waren multifunktional organisiert.

Erst das Bedürfnis nach bürgerlicher Repräsentation führte zu den "guten Stuben", zu bombastischen Wohnzimmerschrankwänden, Fernsehaltären und orgientauglichen Sofalandschaften. Wenn jetzt die Arbeit wieder in das frühere Zuhause zieht in Form des Vorstands: Dann ist das einerseits recht modern - und andererseits auch etwas vormodern. Genau deshalb ist das ausziehbare Büro hinterm Vorhang so gegenwärtig. Menschen kann man auch darin verstecken.

© SZ/beg
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