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Schottland:Die Fakten und die Roten

Warum das Herz im Norden links schlägt und die Brexit-Kampagne dort floppte.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren die Slums von Glasgow die schlimmsten Europas. Schottland blickt auf eine lange Geschichte des Elends zurück, auf die ethnischen Säuberungen der Highlands, auf Ausbeutungen im Zuge der Industrialisierung. Dem Empire hatte Schottland vor allem Verwaltungsbeamte zu liefern, die nie zur Elite gehörten. Schottische Soldaten waren Kanonenfutter, keine Offiziere.

Aufgrund der großen Armut schlug die sozialdemokratische Labour-Partei tiefe Wurzeln in Schottland. Schottische Unruhestifter im Londoner Parlament und Stadtratsmitglieder aus dem tiefroten Glasgow trieben zu Anfang des 20. Jahrhunderts das linksprogressive Denken voran. Schottland wählt bis heute traditionell links. Es ist der einzige Teil des Vereinigten Königreichs, in dem es eine progressive alternative Partei zur Labour-Partei und zu den konservativen Torys gibt: die "Scottish National Party" (SNP). Und während in England der Patriotismus von faschistischen Rassisten vereinnahmt wird, ist der schottische Patriotismus internationalistisch.

Schottland hat nie an den Mythos geglaubt, dass jeder es zu etwas bringt, wenn er sich nur anstrengt

Die SNP positionierte sich gegen jeden Rassismus. Das brachte die anderen politischen Parteien dazu, fremdenfeindlichen Hass ebenfalls zu verurteilen. Die Welle von Hatecrimes, die Großbritannien erschüttert, hat Schottland nicht berührt. Schottland hat im Unterschied zum restlichen Königreich eine Identität als offenes, einladendes Land herausgebildet. Die eigene Erfahrung mit sektiererischen Vorurteilen führte zu integrationspolitischen Maßnahmen für muslimische Gemeinden. Die britische Anti-Terror-Politik wurde durch diese Maßnahmen abgemildert.

In Schottland war der öffentliche Sektor stets eine große Unterstützung für verarmte Gemeinden. Er hat viele Jobs und dadurch auch Steuereinnahmen gesichert. EU-Förderungen und Regulierung wurden daher als etwas Gutes wahrgenommen. Selbst nach den Fortschritten in den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen die Ungleichheit in Großbritannien geringer geworden ist, muss sich bis heute jede schottische Regierung mit Problemen auseinandersetzen, die mit Armut zu tun haben: mit kürzerer Lebenserwartung, ungesunder Ernährung, Kriminalität, Drogenproblemen und ungenutztem Potenzial. Diese hartnäckige Armut, die reichliche Evidenz dafür, dass auch guten Menschen Schlechtes passiert, hat die schottische Psyche geprägt. Schottland ist nicht dem Mythos verfallen, dass die Armen an ihrem Schicksal selbst schuld sind und dass es jeder zu etwas bringen wird, wenn er sich anstrengt.

Die Schlacht bei Waterloo

1881 malte Elizabeth Thompson "Scotland Forever!" in Erinnerung an die schottische Kavallerie in der Schlacht von Waterloo.

(Foto: Elizabeth Thompson)

Mir ist wichtig, das zu betonen, weil viele Brexiteers meinen, öffentliche Infrastruktur sei unnötig, weil die guten und fleißigen Bürger sie nie brauchen und die, die sie brauchen, eigentlich nicht verdienen. Als unsere nationalen Regierungen einander darin übertrafen, die staatliche Infrastruktur zu privatisieren oder abzuschaffen und unser Bankensystem an Kriminelle zu überschreiben, führte das die schottischen Gemeinden an einen Abgrund. Im Vereinigten Königreich, in dem es einst Jobs, bezahlbare Sozialwohnungen, Öffentlichen Personennahverkehr, Zugang zu Hausärzten, funktionierende Schulen gab, sahen die Menschen zu, wie all ihre Sicherheiten verschwanden. Über Jahre verbreiteten die politische Führung und die britische Boulevardpresse, die die Politik vor sich hertreibt, das Dogma, dass Schlechtes nur schlechten Menschen widerfährt.

Die Menschen fühlen sich als Versager. Wie sollen sie darauf antworten? Mit völligem Selbsthass? Vielerorts passiert genau das. Sucht, Gewalt und Verzweiflung suchen Tag für Tag neue Familien heim. Andere suchen die Schuld bei anderen. Die betrügerische Brexit-Kampagne sagte den Verzweifelten, Hasserfüllten, dass Europa, Muslime und Schwarze schuld seien.

In Schottland kam diese Kampagne nicht gut an. Hier wird allgemein anerkannt, dass jeder unverschuldet in Schwierigkeiten geraten kann. Zugleich gab es ein Bewusstsein dafür, dass Schottland viele Vorteile durch europäische Handelsbeziehungen genießt sowie von der EU-Unterstützung für urbane Gegenden, Austauschprogramme und Arbeitsmigration profitiert. Was nicht heißt, dass die EU in Schottland auch verklärt wird; es gibt eine große Sehnsucht nach EU-Reformen.

Solange wir Hoffnung haben, haben wir auch noch Grund zur Hoffnung

Dass der Respekt vor Fakten in Schottland größer ist, kommt wohl daher, dass das schottische Bildungssystem immer so ausgerichtet war, dass es Beamte für das Empire ausbildete, die clever sein mussten. Bis vor Kurzem war Schottland auch ein Land mit großer Handwerkstradition. In dieser Tradition wird Wissen wertgeschätzt und es besteht ein Bewusstsein dafür, dass Fehler tödlich sein können. So behielt Schottland ein pragmatisches Weltbild - im Gegensatz zur Mentalität von Westminster und Downtown Abbey, wo das Motto heißt: Wir tun nichts, können nichts und verachten Intellekt - lassen wir uns von der Welt bedienen.

Bloomberg Best Of The Year 2016
(Foto: Matthew Lloyd/Bloomberg)

Nicola Sturgeon ist eine fähige, sympathische Premierministerin, die sich in ganz Europa wohlfühlt. Und die SNP trifft, abgesehen von der Bauerlaubnis für Trumps Golfkurs, zumeist kluge Entscheidungen. Clevere Investitionen in neue Industrien und grüne Energie dürften uns helfen. Das langjährige wirtschaftliche Elend könnte jedoch auch bald zu allen erdenklichen Arten von Rivalität führen. Gerade ist Schottland jedoch noch das Land, aus dem ins britische Parlament junge Rebellen wie Mhairi Black einziehen, die Geflüchteten Weihnachtsgeschenke einpackt. In Schottland ist es möglich, solidarisch zu sein, wo Hoffnung sich noch artikulieren kann. Und solange wir Hoffnung haben, haben wir auch noch Grund zur Hoffnung.

A. L. Kennedy, 1965 in Dundee geboren, lebt im Süden Englands. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt "Leises Schlängeln" (Karl Rauch Verlag, 2016). Aus dem Englischen von Lukas Latz.