Schluss-Spurt Genital ist auch egal

Was ist das in diesem Jahr nur für ein Festival? Da laufen Filme, die erkennbar kompromisslos sind - kompromisslos darin, so wenig unterhaltsam wie möglich zu sein. Aber Sex - den zeigen sie.

(SZ v. 22.05.2003) - Natürlich ist Cannes vor allem ein Ansturm disparater Ideen, Konzepte und Experimente. Wenn aber das letzte Drittel des Festivals beginnt, werden doch immer wieder geheime Ordnungsstrukturen sichtbar: Da gibt es jedes Jahr die Meister, die überhaupt nicht in Form sind - diesmal angeführt von Michael Haneke; da wird eine politische Front eröffnet, die Diskussionen über die Moral der Bilder erlaubt - letztes Jahr bei Michael Moore, diesmal am heftigsten bei Gus Van Sant; falls er wieder mal dabei ist, beansprucht Lars von Trier eine brisante Kategorie für sich allein; ebenfalls unvermeidlich ist ein Anteil cinephiler Selbstkasteiung: Werke, die im Wettbewerb laufen, weil sie erkennbar kompromisslos sind - kompromisslos aber vor allem darin, so wenig unterhaltsam wie möglich zu sein; und schließlich wird, man kann es nicht anders sagen, eine Sex-Schiene bedient, bei der es immer um Transgression geht, um neue, hochartifizielle Attacken gegen die Pornographie-Paragraphen dieser Welt. Dort ist das Festival nun wieder angekommen.

Man weiß schon vorher, dass Vincent Gallo und seine Partnerin Chloë Sevigny in "The Brown Bunny" Dinge tun, die sonst nur professionelle Pornodarsteller tun.

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Bertrand Bonellos "Tiresia" beginnt, wie eigentlich Filme der Selbstkasteiung beginnen: mit einem menschenleeren, regenverhangenen Frankreich, darin eine einsame, säuerlich blickende Hauptfigur, der man beim stummen Existieren zuschaut, begleitet von einem poetischen Off-Kommentar, der alles bedeuten kann oder auch nichts.

Wahre Puristen lassen es zwei Stunden lang dabei bewenden, die Künstler der Sex-Kategorie aber wollen mehr. So zeigt sich bald, dass der Held von Transsexuellen fasziniert ist, die er nachts im Bois de Boulogne umschleicht. Dort findet er eine wunderschöne Brasilianerin namens Tiresia (Clara Choveaux), die einwilligt, ihm nach Hause zu folgen. Nun scheint die Geschichte in Richtung Serienkiller-Drama zu driften: Der Sex bleibt aus, aber Tiresia wird eingesperrt und gibt es bald auf, sich dagegen zu wehren. Dies nutzt die Kamera, um ihren/seinen Körper in allen genitalen Einzelheiten zu erforschen, inklusive einer langsamen Verwandlung, die eintritt, weil der Täter die Hormonpräparate nicht besorgen kann, die dieser Körper regelmäßig braucht. Man weiß zu jeder Zeit, dass Tiresia noch grausam verletzt werden wird - und als das geschieht, beginnt noch einmal ein ganz neuer Film, der dann auch wieder verloren geht, mit einigen obskuren Anklängen an die griechische Mythologie.

Ein merkwürdiges Spannungsverhältnis herrscht in diesen Experimenten, kink versus credibility, beinah ein Tauschhandel: Natürlich setzen die Macher auf gewisperte Ankündigungen expliziter Bilder, das funktioniert selbst bei den strengen Cineasten - darin machen sie Exploitationskino. Fröhliche Ausbeutung allerdings müsste in Cannes mit blankem Hass rechnen, weshalb sie mit strengen, bewusst unzugänglichen Arrangements ausbalanciert wird. Und natürlich schwingt immer der Gedanke mit, dass ein Werk seine Form auch selbst diktiert, dass man vor juristischen Demarkationslinien keinesfalls Halt machen darf.

In diesem Feld bewegt sich Vincent Gallo mit seinem unerschrocken egomanen Werk "The Brown Bunny" - ein Film, den er geschrieben, inszeniert, geschnitten, produziert und zum Teil auch noch fotografiert hat. Man weiß vorher - und so wird das auch im Rest der Welt funktionieren - dass er und seine Partnerin Chloë Sevigny darin Dinge tun, die sonst nur professionelle Pornodarsteller tun, und dass die Kamera dabei nicht wegschauen wird. Sehr bald aber merkt man, dass man darauf lange warten muss, und wird bis dahin eingeladen, die letzte Reise eines restlos verzweifelten Mannes zu begleiten: Bud Clay alias Vincent Gallo, Motorrad-Rennfahrer, loner, loser. Er weiß, dass er die Liebe seines Lebens verloren hat, die Größe dieses Verlusts aber wird er erst am Ende begreifen. Ein road movie, das quer durch Amerika führt, eine Folge endloser Highwaybilder, wo selbst Vorgänge wie Tanken, Autowaschen und Parken mit stiller Hingabe auserzählt werden. Die Mehrheit des Publikums gibt diese Einladung höhnisch zurück, mit Gelächter und ironischem Szenenapplaus.

In der Tat haben die Gedanken endlos Zeit, in alle Richtungen zu wandern: So entdeckt man vielleicht einen markanten Fliegenschiss auf der Windschutzscheibe, der immer bleibt, während Amerika vorüberzieht - und das Ende in der Waschanlage stimmt fast etwas traurig. Man kann auch verstehen, warum viele darauf mit Hass und Hohn reagieren - für die ist Vincent Gallo einfach nur der größte Poser des Planeten, der am Ende auch noch seinen Schwanz herausholen muss.

Das ist nicht falsch, aber auch nicht die einzige Wahrheit: Gleichzeitig sieht man hier einen Künstler, der sich schutzlos vor sein Publikum stellt - und wenn man sich nur ansatzweise hineinversetzt in eine Figur, die jeden Antrieb verloren hat, die wie ein Zombie durch die eigene Existenz zu driftet - dann ist die endlose Routine des Tankens, Fahrens, Schlafens vielleicht ein Rest Struktur, ein Trost, eine Meditation. Dieser Kritiker jedenfalls kann nicht aufhören, an "The Brown Bunny" zu denken - und wird eines Tages vielleicht gestehen müssen, dass er ihn liebt.