Schlosstheater Moers:Cowboy, Elvis, Meerjungfrau

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Susanne Zauns Theaterparcours "Männer allein im Wald" beherbergt keine Zwerge, sondern Suchende, die keine Lust auf Rollenklischees haben.

Von Alexander Menden

Eine der Hauptattraktionen des Wallzentrums in Moers ist ein Getränkeautomat, der die Kunden mit dem Slogan "Eiskalt zugreifen" lockt. Auch am Abend der Uraufführung von Susanne Zauns Parcours-Stück "Männer allein im Wald" mischt sich sporadisch die lokale Jugend unter die Premierenbesucher, um dieser Aufforderung zu folgen. Dass bisweilen einer durchs Bild läuft, während man einem der fünf Monologe des Abends lauscht, stört dabei nicht im Geringsten.

Als zum Beispiel ein Baseballkappenträger an dem Schaufenster vorbeihastet, hinter dem der Schauspieler Patrick Dollas mit goldbemaltem Oberkörper und Meerjungfrauenschwanz auf einer Chaiselongue lagert und über seine Jagdleidenschaft berichtet, geschieht das in genau dem Moment, in dem Dollas davon spricht, dass man hier "doch so vielen Leuten begegnet". Der Zaungast hält kurz inne, der Darsteller blickt ihn an. Einer dieser intimen, unwiederholbaren Momente, die nur das so lange vermisste Live-Erlebnis bietet. Ganz im Sinne des an diesem Abend immer wieder zitierten Peter-Brook-Satzes: "Theater findet dann statt, wenn ein Mann durch einen Raum geht und ihm ein anderer Mann dabei zusieht."

Das kleine Schlosstheater Moers bespielt schon seit einigen Jahren das mit Leerständen kämpfende Einkaufszentrum. Dass hier hinter den aerosolundurchlässigen Scheiben unbesetzter Ladenlokale gespielt werden kann, macht es nun zum idealen Ort für die Saisoneröffnung der Post-Lockdown-Präsenzproduktionen. Susanne Zaun stellte als Autorin und Regisseurin vor zwei Jahren, ebenfalls hier in Moers, in einem vielbeachteten Stück die "Mutter aller Fragen" zum Frauenbild im Theater. Nun wendet sie sich gleichsam ergänzend dem Selbstbild von Männern im 21. Jahrhundert zu. Grundlage der Textcollagen sind Interviews, die Zaun bei Waldspaziergängen mit Männern im Alter zwischen 20 und 45 Jahren geführt hat. Verteilt auf fünf Spielorte, zu denen fünf Zuschauerkleingruppen mit Klappstühlen wandern und für je 20 Minuten über Funkkopfhörer einem Monolog lauschen, entfaltet sich (trotz des an Otto Waalkes' "7 Zwerge" erinnernden Titels) ein komplexer, hämearmer und einsichtsreicher Bilderbogen zeitgenössischer männlicher Introspektion.

Toxische Männlichkeit ist hier kein Thema

Die futuristische Prämisse einer Zukunft, in der Patriarchat und binäre Geschlechterzuordnungen verschwunden sind, und in der diese Zeugnisse wie einer Art Freakshow gezeigt werden, ist durchaus witzig. Sie tritt aber in der Wahrnehmung rasch in den Hintergrund. Denn zum einen ist die Präsentation der Texte durch drei männliche und zwei weibliche Schauspieler als Archetypen - Cowboy, Hulk, Elvis, Astronaut und eben, zur Brechung, der Meerjungfrau-Mann - individuell so präzise ausgearbeitet, dass sich aus den Vignetten des Stationendramas letztlich doch eine dramatische Kontinuität ergibt, nicht zuletzt durch den immer wieder von den Darstellern gesuchten Augenkontakt mit dem Publikum. Zum anderen werden eben keine simplen Klischees "toxischer Männlichkeit" bedient. Dieses Klischee scheint vielmehr bei den meisten der zitierten Männer bereits als Korrektiv im Kopf zu sein.

Etwa bei dem von Roman Mucha gespielten Cowboy, der inmitten gefällter Baumstämme von einer Begebenheit in seiner Jugend spricht, die "schon stark in Richtung sexueller Gewalt" gegangen sei: "Dafür schäme ich mich immer noch in Grund und Boden, und wir haben das als Freundeskreis nie aufgearbeitet." Konkret wird er nicht, aber was eine Rechtfertigung sein könnte, wird eher zur tastenden Selbstanklage. Die unendliche Reihe von Energy-Drink-Dosen und Schokoladenriegeln, die er verzehren muss, wirkt fast wie eine Selbstbestrafung. Elisa Reinings Astronaut, der aus einem Trockeneisnebel tritt, ist seinerseits sehr darauf bedacht, die traditionell anmutende Rollenverteilung in seiner Partnerschaft zu rechtfertigen: "Es ist nicht so, dass ich diese Rollenverteilung so erwartet habe. Man könnte das auch anders regeln. Wäre mir auch recht, aber so wie es jetzt ist, ist es von Nina gewünscht und so funktioniert es."

Allein sind die Figuren nur, wenn sie sich ausgestellt fühlen

Dass der Wald, als Aktivismuskampfplatz, wie im Falle des Hambacher Forsts, oder als Symbol für "Erdverbundenheit, Kraft, Standhaftigkeit, Treue" oder sogar als Sehnsuchtssterbeort immer wieder in den Monologen auftaucht, ist zweifellos auch der Umgebung geschuldet, in der sie entstanden. Allein waren die Männer jedenfalls nicht, als sie all diese assoziativen Dinge sagten. Die entstanden im Gespräch mit einer Frau. Allein sind diese Männer nur, wenn die Essenz ihres Selbstbilds performativ gebündelt und ausgestellt wird. Das könnte leicht denunziatorisch wirken. Tut es aber nicht, weil es in Zauns Einrichtung ihres Textes weder eine offensichtliche Agenda gibt, noch je eine Verurteilung dessen stattfindet, was da erzählt wird: von verunglückten Versuchen, die kleine Tochter zu erziehen, von Immobiliensorgen, unterdrückten Gewaltfantasien, Angst vor der Polizei oder vom Neid auf die überlegene Männlichkeit des Bruders, der "superkräftig" ist, "weil er in seiner Jugend halt die ganze Zeit immer irgendwelche Motoren rumgewuchtet hat".

Susanne Zaun ist nicht nur ein durchgehend spannender, facettenreicher Abend über die Zerbrechlichkeit moderner westlicher Maskulinität geglückt. Sie löst zugleich auch tatsächlich die eigene Prämisse von "Männer allein im Wald" ein, indem sie ein Dokument geschaffen hat, eine Zeitkapsel für die Zukunft.

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