Schlingensief und die Biennale Ab zum Gebet!

Nur: Wenn nicht er selbst dies tut, sondern jemand anderes in seinem Namen, dann kommt das Ergebnis eben jener alten Helden- und Leidensbeschwörung verdammt nah. Auch Käthe Kollwitz war eine gute Künstlerin, die anrührende Figuren erfand. Doch als Helmut Kohl ihre Pietà monumentalisierte und in Schinkels Alte Wache in Berlin stellte, war davon nicht mehr viel übrig. Ein Schmerz, der entpersonalisiert wird, verliert sich und wird zur Pathosformel.

Schlingensiefs frühere Techniker haben zudem das Oberlicht mit Mosaikfolien verklebt und in außen angebrachten Schächten abgefangen. Der helle Raum versinkt in theatralischer Finsternis.

(Foto: AP)

Schlingensief mag ein egomanischer Provokateur gewesen sein, dem nichts peinlich war. Doch er war sensibel genug, den Deutschen Pavillon nicht allein seinem privaten Schicksal zu widmen. Als die Zusage kam, hatte der Schwerkranke schon als Priester vor der Altarkulisse der Ruhrtriennale mit Hostien um sich geworfen, hatte dort Fluxus und Beuys beschworen als Garanten für eine Verwandlung von Leben in Kunst, für ein Nachleben wenn nicht im Himmel, dann auf Erden.

Dass es aber im historisch kontaminierten Deutschen Pavillon auch angesichts des eigenen Todes um Politik gehen musste, verstand sich für ihn von selbst. Er plante drinnen ein afrikanisches Wellnesszentrum, das jeden schwärzen sollte, der ins dunkle Wasser steigt. Man wäre zum Gentest gebeten worden, hätte also auf verschiedenen Ebenen koloniales Denken aus umgekehrter Perspektive am eigenen Leib erfahren. Draußen sollten Afrikaner in Käfigen Computer reparieren, in Anlehnung an die Menschenzoos des frühen 20. Jahrhunderts.

Darüber hätte man streiten können. Es hätte wie immer bei ihm wehgetan, hätte an Monströsitäten gerührt, die man längst unter Kontrolle glaubte.

Geschmacklos waren viele seiner Werke, etwa sein Einheits-Film "Deutsches Kettensägenmassaker", in dem eine Metzgersfamilie im Westen Trabbifahrer zu Wurst verarbeitet, eine Groteske auf die Rede vom Einverleiben der DDR.

Immer musste dieser Regisseur, Künstler, Selbstdarsteller sich und sein Publikum in den Dreck treiben. Die Grenze zwischen Gut und Böse war bei ihm so fließend wie die zwischen Kunst und Leben. Schlingensief mochte sich mit Christus vergleichen und gab doch immer wieder den allzu menschlichen Teufel. Er machte sich zum Medium der Selbstreflexion für sein Publikum, das ihn lieber als Hofnarr der Demokratie belächelt hätte.

Nun haben sie ihm nicht einmal das Narrentum gelassen. Komisch oder unordentlich ist nichts in diesem Gebetsraum für einen großen Guten. Eine Kordel hält das Publikum vom Altarraum fern, auf dass niemand am leeren Krankenbett ruckele. So endet Aktionskunst in ihrem Gegenteil: der verordneten Regungslosigkeit.

Die sorgsam präsentierten Schlingensief-Filme in dem einen Seitenflügel, die sachlichen Erläuterungen zum Operndorf von Burkina Faso im anderen retten die Sache nicht: Dem verordneten Gedenken, nicht dem freien Denken gibt sich der diesjährige deutsche Biennalebeitrag hin.

Eine schlichte museale Präsentation ohne Überwältigungsfieber hätte Christoph Schlingensief als Künstler und Deutschland als Kunstland weniger geschadet. Nur der ausgestopfte Hase auf dem Altar schaut klug in die Runde. Er hat Beuys und Schlingensief überlebt, hat den Platz der Plüschkatze eingenommen, die vor zwei Jahren aus Liam Gillicks hier errichteter Ikeabude auf das Publikum herunterglotzte. Das Viech ist nicht kleinzukriegen, so wenig wie die Kunst.