bedeckt München 14°

Schlemmers Spätwerk:Wuppertaler Lackballett

Eine Ausstellung am Van-der-Heydt-Museum zeigt Werke des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer, der sich während der NS-Zeit als Anstreicher, Verkäufer und Angestellter einer Farbenfabrik durchschlug.

Von Alexander Menden

Oskar Schlemmer hatte einiges auszusetzen an Wuppertal: "Wenn nur diese Stadt nicht so schauderhaft wäre, die Kost so miserabel - und wenn man mit Lack nur lasieren könnte!", schrieb er im Februar 1942 an seinen Freund, den Freiburger Maler Julius Bissier. Dennoch war Schlemmer sich nach Jahren peripatetischer Existenz stets bewusst, dass die Arbeit, die er seit 1940 für den Wuppertaler Lackfabrikanten Kurt Herberts verrichtete, ihm ein permanentes Auskommen und so auch den Unterhalt seiner Familie im fernen Stuttgart sicherte. Das Labor für lacktechnische Versuche in Herberts' Fabrik, für die auch andere Künstlerkollegen wie Willi Baumeister, Gerhard Marcks und Georg Muche arbeiteten, war ein Rettungsanker.

Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zeigt nun in seiner Herbstausstellung "Oskar Schlemmer - Komposition und Experiment" das umfassende, aber bisher kaum öffentlich präsentierte Konvolut von mehr als 300 Schlemmer-Zeichnungen und Skizzen aus seiner Sammlung in einer Auswahl von rund 140 Arbeiten. Die Schau bietet zum Ausklang des Bauhaus-Jahres erstmals Gelegenheit, sich diesem ästhetisch und formell strengen, politisch komplexen Künstler, der von 1921 bis 1929 Meister am Bauhaus war, über sein Spätwerk anzunähern.

Schlemmers Œuvre ist mit weit weniger Retrospektiven bedacht worden, als es seiner Bedeutung entspräche. Das lag nicht nur daran, dass der Aufbewahrungsort vieler seiner Werke unbekannt ist, sondern auch an einer restriktiven Handhabung der Freigabe von Reproduktionsrechten für die Kataloge. Schlemmers Erben, namentlich sein prozessfreudiger Urenkel Raman, hatten die Erlaubnis zum Abdruck in Katalogen oft nicht erteilt; bisweilen ließen sie auch Werke beschlagnahmen, weil sie die Eigentumsverhältnisse für ungeklärt hielten. Seit das Urheber-, Verbreitungs- und Ausstellungsrecht Ende 2013 auslief, also 70 Jahre nach Oskar Schlemmers Tod, hat sich die Lage entspannt. Museen und Sammler sind eher gewillt, Werke für Ausstellungen zu verleihen. Auch die Gefahr, dass Seiten im Ausstellungskatalog, wie etwa 2007 in dem des Projekts "Laboratorium Lack" des Kunstmuseums Stuttgart aufgrund von Erbeninterventionen weiß bleiben würden, gab es für Wuppertal nicht mehr.

Ein Großteil der Wuppertaler Arbeiten sind sehr kleinformatige, die Ideen des Künstlers gleichsam stenografisch andeutende Entwürfe auf Papier. Kurt Herberts' Vorgaben waren praktischer Natur, er wollte die möglichen Anwendungen seiner Lacke ausgelotet sehen und setzte dabei auf wiederholbare Muster. Manches, was Schlemmer für ihn entwarf, orientiert sich an Fresken aus Pompeji, anderes ist ansatzweise abstrakt, ohne aber je im rein Dekorativen zu verharren. Die meisten dieser Arbeiten wurden nicht umgesetzt, und jene, von denen es zumindest Prototypen gab, etwa ein Design für einen kleinen Schrank, sind verloren. Die bereits 1995 für eine Düsseldorfer Ausstellung entstandene Nachbildung des "Lackkabinetts", für das er auf größeren Tafeln mögliche Farbwirkungen des Lacks erprobte, zeigt, dass Schlemmer ein Forschender blieb.

Dass Herberts für Unverbindliches in Schlemmer nur bedingt den geeigneten Künstler ausgewählt hatte, erweist sich beim Blick auf Arbeiten aus allen Schaffensphasen des gebürtigen Stuttgarters. Kuratorin Beate Eickhoff bettet Schlemmers Arbeiten in die von Vorbildern, Weggefährten und Zeitgenossen ein, die größtenteils aus dem fantastischen Bestand des Museums stammen. Berühmte Vorbilder wie Georges Seurat oder Paul Cézanne sind ebenso vertreten wie weniger berühmte, aber gleichermaßen einflussreiche, etwa der Schweizer Otto Meyer-Amden, dessen Körperaufteilung auf die Schlemmers vorausdeutet. Paul Klees Muster werden später ein Echo in den Lackversuchen finden; in Schlemmers "Interieur" von 1913 wiederum finden sich Parallelen zur Ausstattung von Filmen wie dem sieben Jahre später entstandenen "Cabinet des Doktor Caligari".

Otto Schlemmer ist aber kein Expressionist, obwohl er, wie etwa die Maler des Blauen Reiters, die "Selbstwahrnehmung" des Gezeigten ins Bild setzen wollte. Er war kein Kubist, obwohl Picasso ihn beeindruckte und prägte und das "Triadische Ballett" in der zeitgenössischen Presse als "kubistischer Scherz" kategorisiert wurde. Für ihn steht die menschliche Figur im Zentrum seiner Arbeit. Ein überhöhter, wenn auch nie rein dinglicher Mensch, der als geometrische Form Teil einer höheren Raumordnung ist, bestimmt durch die Gesetze der Geometrie. Das kurz nach Schlemmers Ausstieg aus dem Bauhaus entstandene Gemälde "Zwölfergruppe mit Interieur" (1930) steht beispielhaft für diese mystische Schematisierung des Körpers, die Schlemmer so beschrieb: "Das Quadrat des Brustkastens, der Kreis des Bauches, Zylinder der Arme und Unterschenkel, Kugel der Gelenke an Ellbogen, Knie, Achsel, Knöchel, Dreiecke der Nase." Seine beeindruckendste Manifestierung fand dies natürlich im berühmten Triadischen Ballett, das in Wuppertal als Video zu sehen ist.

Dem Nationalsozialismus war Schlemmer übrigens nicht so grundsätzlich abgeneigt, wie der rabiate Umgang seitens der NS-Kulturoberen mit seinem Werk es vermuten lassen könnte. Mit seinem Bauhauskollegen Johannes Itten teilte er einen zutiefst esoterischen Ansatz. Dieser stellte einen kosmischen Zusammenhang zwischen Mensch, Natur und Technik her und strebte letztlich zu einem neuen, idealen Menschen, der mit den Ideen der Nationalsozialisten nicht inkompatibel erschien, durch die Kategorisierung als "Kulturbolschewist" fühlte er sich sträflich verkannt. Nicht der Nationalismus oder Antisemitismus der Nazis, sondern ihre Abneigung gegen alles Avantgardistische war es, die Schlemmer schließlich isolierte.

Wie auch immer Oskar Schlemmer sich verhalten hätte, wenn die Nazis ihm Gelegenheit gegeben hätten, sich im Rahmen ihrer Kulturpolitik zu etablieren - zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Wuppertal war er längst im inneren Exil angekommen. Die Berliner Vereinigte Staatsschule für freie und angewandte Kunst hatte ihm 1933 fristlos gekündigt. 1937 richtet zwar die London Gallery eine große Schlemmer-Schau aus, in Deutschland zeigt aber die Ausstellung "Entartete Kunst" seine Werke. Er arbeitet für Malergeschäfte in Stuttgart und versieht Kasernen mit Tarnanstrichen. Bei allen Vorbehalten ist die Arbeit für Herberts im Vergleich weit vielfältiger und erfüllender. Sogar ein kleines, von Schlemmer gestaltetes "Lackballett" führt die Gymnastikgruppe der Fabrik 1941 zum Jubiläum des 75-jährigen Bestehens im Concordia-Saal auf. Schlemmers letzte Arbeiten sind die stillen "Fensterbilder", Interieurs und Straßenansichten in Wasserfarben oder Öl auf Pappe. Die menschlichen Gestalten fehlen hier, stattdessen erhellt in einem Bild "Wuppertal bei Nacht" von 1943 ein Flak-Scheinwerfer den dunklen Himmel. Ein Jahr später stirbt Oskar Schlemmer mit 54 Jahren. Es ist der frühe Tod eines unermüdlich Suchenden, dessen Gesamtwerk noch immer seiner Auslotung harrt. Die Wuppertaler Ausstellung trägt einiges dazu bei.

Oskar Schlemmer: Komposition und Experiment. Das Wuppertaler Maltechnikum im Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal. Bis 23. Februar 2020. Katalog 20 Euro.

© SZ vom 11.12.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema