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Schlager:Aufrecht abgeh'n

Mary Roos, CD-Cover, Schlagersängerin,  Koeln, Studio, 14.02.2018, pictutres taken by Stephan Pick; Mary Roos

Sie lache so viel wie noch nie in ihrem Leben, sagt Mary Roos, die im Januar 70. Geburtstag feierte.

(Foto: Stephan Pick)

Mary Roos erntet gerade den Ruhm für ihr Lebenswerk. Für sie Zeit, aufzuhören. Eines der letzten Konzerte gibt sie im Circus Krone

Von Michael Zirnstein

Man möge beim Applaus ordentlich Krach machen für Mary Roos, damit sie das höre mit den schlechten Ohren. Die "Helene Fischer der Bronzezeit" solle richtig Spaß haben, solle noch mal ihre Hits singen dürfen, "ihre beiden". Jedes Mal auf der Bühne könne das letzte sein, "man weiß nie, wie lange es die Alte noch macht". So sagt Wolfgang Trepper die Sängerin an, die vor kurzem 70 Jahre alt geworden ist. "Eine Frau, die Sie für Eintritt sonst nur bei ,Körperwelten' zu sehen bekommen." Eine Unverschämtheit! So hat sie es gewollt. Mary Roos war es, die den Komiker und Schlagerhasser bat, mal etwas zusammen zu machen.

Seit dem spielen sie im gemischten Doppel ihre Revue "Nutten, Koks und frische Erdbeeren". Die heißt so, weil Heino angeblich genau dies per Auftrittsvertrag in die Garderobe ordert. "Wegen der Show habe ich keine Freunde in der Branche mehr", sagt Mary Roos beim Interview in einem Tantencafé im Münchner Tal. Sie schmunzelt. Weil sie mehr Freunde hat denn je. Eigentlich ist die "Nutten"-Gala eine Liebeserklärung an ihr Genre, und sie ist der Renner, seit drei Jahren und 180 Aufführungen, gerade weil Trepper "hardcore" gegen jegliche Schlagergröße austeilt. Spricht der Kabarettist privat, erklärt er: "Gegen zwei Leute sage ich nichts, gegen Udo Jürgens und Mary Roos, weil die können was, der Rest ist nur Gehampel."

Die Beleidigung "Helene Fischer der Bronzezeit" trifft Mary Roos gar nicht. Erstens weil sie über sich selbst lauter lacht als jeder andere; sie lache derzeit eh so viel wie noch nie in ihrem Leben. Zweitens weil sie die Allround-Entertainerin Helene Fischer als ihre Erbin eh superstark findet - "ich liebe diese Frau". Und drittens weil "Bronzezeit" einfach nicht stimmt; wenn schon, dann: goldene Ära. Vor 61 Jahren trat die kleine Rosemarie Schwab im Hotel der Eltern in der Pfalz auf, wurde beim Sommerfest eines Karnevalvereins im Nachbarort entdeckt und brachte 1958 als Neunjährige ihre erste Platte heraus: "Ja, die Dicken sind ja so gemütlich". In der Folge gab es nichts, was sie nicht schaffte, kaum jemanden von Rang, mit dem sie nicht zusammenarbeitete auf ihren 50 Alben, auf Musical- und Theaterbühnen und in vielen Fernsehsendungen. Niemand in der deutschen Unterhalterei hat derlei vorzuweisen: Der Sound-Guru Giorgio Moroder schrieb ihr 1970 den ersten Hit, "Arizona Man", bei dem Donna Summer im Chor sang und bei dem erstmals im Schlager ein Synthesizer zum Einsatz kam. 1972 landete Roos mit "Nur die Liebe lässt uns leben" beim Grand Prix d'Eurovision auf Platz 3; 1984 trat sie ein zweites Mal für Deutschland an mit "Aufrecht geh'n" - beides sind selbstbewusste Stücke, die losgelöst vom Wettbewerb Evergreens wurden. Sie machte drei Singles mit Dieter Bohlen, sang - so machte man das damals - auch eine deutsche Version des Modern Talking-Hits "You're My Heart, You're My Soul": "Ich bin stark, nur mit dir". Nun, nicht alles war toll. Sie hatte ihre eigenen TV-Personality-Shows wie "Maryland", die in 25 Länder bis nach Japan geliefert wurde, wo sie auch für die Unicef mit Marlon Brando und Peter Ustinov drehte. "Ach, ich habe schon tolle Sachen machen dürfen, wenn man überlegt", sagt sie heute dankbar, fast demütig.

Als die Deutschen Chanteusen wie Mireille Mathieu importierten und ihr "nicht experimentierfreudig" genug waren, zog Roos nach Paris, spielte Musicals, drehte TV-Show, gab ein mehrwöchiges Gastspiel im Olympia und nahm - akzentfrei, wie die Franzosen lobten - viel Jet Set Musique auf, wie man Easy Listening dort nannte (zu bestaunen auf der Singles-Sammlung "Amour toujours. 1972-75"). Der Manager der US-Band The Fifth Convention sagte ihr Großes in den USA voraus, sie lehnte ab: "Jetzt nach Amerika? Da gibt es so viele gute Leute, was soll ich da noch? Ich wusste das schon einzuschätzen." Gleichwohl lud Jim Henson sie 1976 als ersten deutschen Gaststar in die "Muppet Show" ein. Caterina Valente sagte, wenn Deutschland einen Weltstar habe, dann Mary Roos. "... und Joy Fleming", ergänzt die Gelobte, "die fand ich schon toll damals."

Bis heute schwärmen Kollegen von ihr. Götz Alsmann sagt, man müsse ihr den "Orden ,Deutsche Dionne Warwick' umhängen". Der Superstar-Status blieb ihr allerdings verwehrt, auch weil sie sich gegen den Massengeschmack sträubte. "Ich wollte immer etwas anderes singen, als das Angesagte - nur so hatte ich eine Chance. Ich glaube mein Problem ist, dass ich so viele verschiedene Sachen mache. Die Leute haben von mir kein festes Bild. Ich fange immer wieder gerne von vorne an." Als der Schlager-Goldgräber Hans Beierlein ihr nach Paris folgte und anbot, sie zu managen, wies Sie ihn mit den Worten ab: "Ich will das nicht, ich fürchte mich vor Ihnen."

Zuletzt kamen die Lobhudelein von allen Seiten. So richtig los ging es, als sie von Vox zur Sendereihe "Sing meinen Song" eingeladen wurde. Das ist eine Art Selbsthilfegruppe von Musikern in einem Ferienresort, in der sich alle versichern, wie toll sie sind und wie bedeutend ihr Werk ist. "Ich habe das Format von der ersten Folge an verfolgt und gedacht: Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, hätte ich gerne mitgemacht." Als der Anruf der Redaktion kam, glaubte sie an eine Falle von "Verstehen Sie Spaß?" und lehnte ab. "Zum Glück haben sie zwei Jahre später noch mal angefragt." Und so hörte sie Kollegen wie Judith Holofernes und Mark Forster ihre Hits auslegen, sang beseelt mit, und war gerührt, als Revolverheld-Beau Johannes Strate flirtete: "Sie ist ein kleines Mädchen geblieben."

Mary Roos verdient jedes Lob, auch weil sie gut über andere spricht. Besonders schwärmt sie von den Kollegen aus München. Als das noch eine richtige U-Musik-Stadt war, hat sie hier dauernd gedreht, in Erding sei sie übrigens aufs Internat gegangen. "Viele Münchner haben mein musikalisches Leben schwer bereichert", sagt sie. Und etliche hätten sich jüngst wieder gemeldet, wie Moroder. Oder der Gitarrist Sigi Schwab. Und Peter Horten habe sie nach 40 Jahren angerufen, "nur um mal wieder mit mir zu sprechen. Mit ihm habe ich eines meiner schönsten Lieder gespielt, das portugiesische ,Aguas de março', bei mir heißt es ,Hund, Katze, Maus'".

2013 veränderte ein weiterer Münchner noch einmal ihren Sound: Sie war beim Platten-Label Universal Jazz gelandet, wo man ihr riet, sie solle es doch mal mit dem Jazz- und Elektro-Produzenten Roberto di Gioia versuchen. Es funkte sofort. "Viele Noten zu singen, auch die Bluenotes, fiel mir immer leichter als Schlager. Und Roberto merkte sofort, dass da noch etwas rausmuss." Also wurde "Denk was du willst" ein swingendes, latin-jazziges, sanftes Album - für das der Star-Trompeter Till Brönner einen Song schrieb und die hinreißenden Porträtfotos schoss. "Ach", nur das bedauert sie, sie hätte sich früher "mehr trauen sollen, auf solche tollen Leute zuzugehen". So könnte sie nun weitermachen. Wie auf der aktuellen Platte "Abenteuer Unvernunft" endlich die Lieder singen, die sie immer singen wollte, für die sie sich aber noch nicht reif genug fühlte, zum Beispiel eines über das Schweigen. Sie singt auch über das Altern: "Wir sind steinalte Kinder, nur grad eben geboren."

Zu Gast in einer überaus fröhlichen NDR-Talkshow-Runde sagte sie: "Als Frau mit 70 konnte man sich noch nie so jung fühlen wie heute. Das ist doch ein Geschenk." Ein solches sei auch, endlich zu wissen, was man nicht mehr machen wolle: Kleider mit Spaghettiträgern anziehen.

Was da niemand außer Mary Roos ahnte: Noch etwas will sie nicht mehr - auf der Bühne singen. Überraschend und ohne Angabe von Gründen verkündete sie jüngst auf Facebook, sie werde ihre "musikalische Karriere beenden". Das Konzert im Circus Krone wird eines der letzten sein. Nach der Tour gibt sie noch drei Wochen lang in Hamburg mit Wolfgang Trepper den großen Schlagerabgesang. Nicht auszudenken, welche Späße er sich zum wirklichen letzten Mal ausdenkt.

Mary Roos, Di., 30 Apr., 20 Uhr, Circus Krone; 4. Mai Nürnberg, 31. Mai Kempten

© SZ vom 29.04.2019
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