Süddeutsche Zeitung

Biografie:Gewissen und Gerissenheit

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Die Zeitzeugin Rena Finder erzählt, wie sie das KZ überlebte, weil sie auf Schindlers Liste stand.

Von Roswitha Budeus-Budde

Die Geschichte des Oskar Schindler, der zusammen mit seiner Frau Emilie 1200 polnische Juden vor dem KZ rettete, wurde durch Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" nach dem Buch von Thomas Keneally international bekannt. Und zählt zu den wichtigsten Darstellungen der Judenverfolgung und Vernichtung in Polen. "Welche Geschichte ist die wahre Geschichte", fragt die Autorin Rena Finder, die zu den Geretteten zählt, in ihrem Buch "Ich überlebte. Ein Mädchen auf Schindlers Liste" ihre jungen Leser. "Ist es die, über die wir in den Geschichtsbüchern lesen? Die Geschichte, die wir in Filmen sehen? Die Geschichte, die uns von Überlebenden erzählt wird?" Was kommt der Wahrheit am nächsten, Filme haben ihre eigene Dramatik und auch die Erinnerung Überlebender verändert sich. "Vielleicht habt ihr Lust, einmal in einer Unterrichtsstunde darüber zu sprechen", fordert sie ihre jungen Leser auf. Sie appelliert an ihr kritisches Denken, damit ihre Leser auch Bezüge zur politischen Gegenwart entdecken, und in Oskar Schindler nicht den historischen Helden, einen Heiligen sehen, sondern einen Menschen mit Schwächen, aber mit einem Gewissen, und einer Gerissenheit, die er im Laufe des Krieges immer mehr zur Rettung seiner Arbeiter und Arbeiterinnen einsetzte.

Man merkt der Darstellung der Autorin ihre Erfahrungen mit Schülern an, sie hält sich an Fakten, erzählt ihr Leben chronologisch in kurzen Kapiteln, von ihrer glücklichen Kindheit und Jugend - trotz des schon damals verbreiteten Antisemitismus in Krakau. Als am 1. September 1939 die Deutschen in Polen einfielen, und bald Krakau besetzen, war sie zehn Jahre alt, und es begannen Verfolgung und Unterdrückung und Mord.

Die Hoffnung, dass das Ausland helfen würde, schwand, als sie ins Ghetto gebracht wurden, erzählt sie, und davon, dass sie gezwungen wurden für die Nazis zu arbeiten. Einige in der Emailfabrik von Oskar Schindler, der gute Beziehungen - auch durch geschickte Bestechungen- zu den verantwortlichen Funktionären hatte. Als das Ghetto 1942 geschlossen wurde und 2000 Menschen in Auschwitz umgebracht wurden, hatten Rena Finder und ihre Mutter zwar das Glück, als arbeitsfähig in das Arbeitslager nach Plaszow geschafft wurden, entkamen aber den Misshandlungen und dem Tod nur, weil es ihnen gelang, einen Arbeitsplatz bei Schindler zu bekommen, der seine Fabrik nach Plaszow verlegt hatte, um in der Nähe seiner Arbeiter zu sein.

Und Schindlers Arbeiterinnen revanchierten sich, am Ende des Krieges, mit einem Dankesschreiben, das ihn davor bewahrte, als Nazis verurteilt zu werden.

Mit Schläue und dem Einsatz seines Vermögens rettete er sie - Höß, der Kommandant von Auschwitz erhielt einen Beutel Diamanten. Und Schindlers Arbeiterinnen revanchierten sich, am Ende des Krieges, mit einem Dankesschreiben, das ihn davor bewahrte, als Nazis verurteilt zu werden. Das Credo von Rena Finder, die nach ihrer Emigration in die USA, für die Organisation "Facing History and Ourselves" arbeitet: "Ihr müsst nicht jeden lieben, aber jeder verdient es, anständig behandelt zu werden". (ab 13 Jahre)

Rena Finder, Joshua M. Greene: Ich überlebte. Ein Mädchen auf Schindlers Liste. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. Hanser 2022. 100 Seiten, 15 Euro

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