Schillerhöhe Auf diese Phrasen können Sie bauen

"Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze"

Zu den Konsonanten, die den Mund verschließen, gehört das "m". Ein Schauspieler, der Schillers "Prolog" zu "Wallensteins Lager" zu sprechen hat, muss auf der Hut sein : "Dem Mimen...", da ist der Grat schmal zwischen nuschelnder Verschleifung und allzu akzentuierter Zäsur. Aber der gute Schauspieler wird dankbar sein für die Gelegenheit, seine Sprechkunst unter Beweis zu stellen. Und für den Ansporn zum Dementi dessen, was er vorzutragen hat: Keine Kränze der Nachwelt - für mich? Das wollen wir doch mal sehen!

Und hat nicht der Ansporn zum Dementi gewirkt? Hat nicht die Nachwelt den großen Schauspielern, von Schillers Zeitgenossen Friedrich Ludwig Schröder und August Wilhelm Iffland über Josef Kainz und Albert Bassermann bis zu Fritz Kortner und Gustaf Gründgens Kränze über Kränze geflochten? Das schon.

Aber dennoch blieb Schiller im Recht, blieb die Schauspielkunst, auch nachdem Phonograph und Videoaufzeichnung erfunden waren, die vergängliche Gegenwartskunst, als die er sie den Werken des Bildhauers und Dichters gegenüberstellte: Wer Bernhard Minetti nicht leibhaftig auf der Bühne gesehn hat, hat den Schauspieler Minetti nicht gesehen. Das wahre Dementi für Schillers Vers ist dem Bühnenschauspieler unerreichbar. Es ist nur im Kino möglich. Nur hier bleibt der Mime samt seiner Kunst unsterblich. Aber das Kino hat Schiller, anders als Shakespeare, noch nicht entdeckt.

"Alle Menschen werden Brüder"

Zu sich selbst kommt dieser Vers in der Musik: Wenn ein großes Orchester stampfend den letzten Satz von Beethovens Neunter Symphonie anstimmt und der simple, unaufhörlich repetierte Wechsel von betonten und unbetonten Silben die Dynamik von Hammerschlägen entwickelt. "Bum" geht es in die Tonika, den Grundakkord, und "bum" noch einmal und noch einmal und noch einmal.

Schwer vorzustellen, Ludwig van Beethoven sei entgangen, dass er hier kein Meisterwerk der Tonkunst, sondern einen Schlachtruf komponiert hatte. Schwer vorzustellen auch, dass die gewaltige, ja gewalttätige Harmonie, die er in diesen Satz hineinschrieb, nicht auch einen ironischen, ja bösen Kommentar zur Freudenpropaganda darstellt: Die elysischen Gefilde sind nun einmal kein idealer Ort für Dampfpressen.

Und Friedrich Schiller selbst - was mag er von seiner Ode gehalten haben? Nun, ihr Pathos und elementarer Rhythmus sind von ihm und machen mächtig Effekt. Darüber freut sich der Dramatiker, der Philosoph aber macht ein bekümmertes Gesicht.