Schillerhöhe Auf diese Phrasen können Sie bauen

"Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn"

Demetrius glaubt, ein Zarensohn zu sein. Er will, so beginnt das Fragment, über dem Schiller verstarb, die polnischen Edlen von seinen Ansprüchen überzeugen und sie zum Krieg gegen Moskau überreden. Allein der Woiwode Sapieha widerspricht dem Gleichklang der Versammlung: "Laß alles einig sein - ich sage nein." Dann attackiert er die Mehrheit.

Wenn es um Wahrheit geht, darf Zählen nichts entscheiden. Es gibt Dinge, über die man nicht abstimmen soll. Die Worte Sapiehas können Rebell und Diktator gleichermaßen zur Rechtfertigung dienen. Aber wer die hellsichtigen Verse zitiert, verrät sie. Nur Gründe in der Sache berechtigen zum Einspruch, nicht die Berufung auf Autorität.

"Spät kommt Ihr - Doch Ihr kommt!"

Dies ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass ein Zitat eine enorme Karriere erleben kann, gerade weil es sich nur knapp über dem semantischen Nullpunkt hält. Denn gesagt ist, im Ernst, damit nicht viel. Aber genau so kann es in quasi jeder Situation eingesetzt werden - und vor allem in solchen, nicht seltenen, in denen wir nur ein akustisches Lebenszeichen von uns geben und ansonsten eigentlich lieber gar nichts sagen mögen.

Es lebt der Erfolg dieses Zitats indes von einem bestimmten soziologischen Typus, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, demographisch dabei ist, sich im Nebel der Vorzeiten aufzulösen. Ein Typus, der einen enthusiastischen Bildungsbegriff mit absoluter Unoriginalität zu verbinden pflegt. Der zum Beispiel im Sinne der Markierung seiner Individualität es für ausreichend hält, statt "kommt" "kömmt" und statt "weil" "alldieweil" zu sagen.

Bei diesem Typus konnte man in den vergangenen 150 Jahren darauf wetten, dass er den Spätankömmling mit diesem unverwüstlichen Schiller-Zitat herzhaft in der Runde begrüßte. (Und man konnte nur staunen, welch dürftige Mengen an kanonisierter Kultur schon für eine geistige Heimat genügen.) Schiller übrigens kann man nur dafür bewundern, in welch durchschlagender Weise er das schiere formale Gerüst der Rhetorik, in diesem Falle ein Parallelismus, in den wiederum ein Chiasmus eingelagert ist, semantisch leer wie das X und das Y in einer algebraischen Gleichung, also fast ohne jeden Inhalt, umzusetzen vermochte. Es ist wirklich, als würde man der stabilen Verstrebungen der Grammatik selbst ansichtig werden.