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Schillerhöhe:Auf diese Phrasen können Sie bauen

"Denn, wer den Besten seiner Zeit genug / Getan, der hat gelebt für alle Zeiten"

Schiller ist der Dichter und Denker des Fortschritts. Der Fortschritt hat jedoch einen ganz entsetzlichen Pferdefuß: indem es immer weiter geht, erniedrigt er alle, deren Leben und Leistung schon vorbei sind, zu Trittstufen auf dem Weg dahin. Wie kann es immer besser werden und doch gut gewesen sein? Wie reimen sich Progress und Tradition? Auch wir sind, was wir an einem runden Todestag durchaus bedenken sollten, nur der vorläufige Endzweck der Geschichte.

Schiller hat einen Vorschlag zur Güte gemacht, der dennoch nicht die schwächlichen Züge des Kompromisses trägt. Er ist allerdings etwas komplizierter, als er sich zunächst anhört. Die Besten einer Zeit lassen sich erst postum mit einiger Sicherheit erkennen. (Wer vermöchte zu sagen, wer heute "die Besten" wären?) Sie gilt es im Nachhinein zu ermitteln, um mit ihnen die Jury zu besetzen.

Dies dürfen, ja müssen wir heute tun; aber dann haben wir sie sich selbst zu überlassen und mit angehaltenem Atem abzuwarten, wie die Vergangenheit über die Vergangenheit befinden wird. So haben je zur Hälfte die Zeiten, wie sie nacheinander kamen, und ihre jeweiligen Nachwelten das Wort und fällen in funktionaler Trennung gemeinschaftlich die Entscheidung, wer das Ticket zur Unsterblichkeit erhält. Das scheint mir ein überaus großmütiges, gerechtes und gangbares Verfahren, um den Verkehr der Lebenden und der Toten miteinander und mit der Ewigkeit zu regeln.

"Durch diese hohle Gasse muss er kommen"

Der Fluch des über Generationen erfolgreichen Zitats ist, dass es mit seinem Talmiglanz den Text verdunkelt, dem es entstammt. Es kann nicht anders in ihn zurückkehren denn als alternder Allerwelts-Promi, dem man schon von ferne die unzähligen Gastspiele ansieht, die er in der Gesellschaft dröhnender Festredner und schenkelklopfender Parodisten zu absolvieren hatte.

Wie romantische unheimliche Doppelgänger, die sich nicht abschütteln lassen, sind die Zitat-Promis beim Klassiker Schiller allgegenwärtig. Kein Schauspieler, der in der dritten Szene im vierten Akt des "Wilhelm Tell" den Monolog des Attentäters zu exekutieren hat, kommt an diesen Quälgeistern vorbei.

Sie sind, anders als die "schönen Stellen" einer Opernarie, vor allem eins: Stolpersteine. "Durch diese hohle Gasse muß er kommen", der Vers will genommen sein wie eine Hürde, und ein Trost ist nur, dass es dem Schauspieler, der den Gessler gibt, wenig später nicht anders ergehen wird, wenn er "Das ist Tells Geschoß" ächzt und dabei den Tod sehr viel weniger fürchtet als die Lacher im Publikum. Das Promi-Zitat ist die hohle Gasse im klassischen Text.