Schillerhöhe Auf diese Phrasen können Sie bauen

"Gefährlich ist's den Leu zu wecken / Verderblich ist des Tigers Zahn"

Der Erfahrungsraum des Dichters ist bekanntlich die heimelige Dichterstube und die Phantasie. Dem verdankt die Nachwelt beispielsweise die bekannte Einsicht Goethes: "Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiss in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind." Kollege Schiller wurde da schon konkreter, denn solche Exotik veränderte für ihn nicht nur die Gesinnung, sondern bedrohte die eigene Existenz, wie seine bekannten Verse zeigen:

"Gefährlich ist's den Leu zu wecken,

Verderblich ist des Tigers Zahn".

In den gemäßigten Breiten, in denen unsere Klassiker lebten und webten, war damals der Leu allenfalls als Wappentier ein Begriff, und wer sich des Tigers vergewissern wollte, der musste im Buffon nachschlagen. Umso numinoser folglich Gefahr und Schrecken, die sich beiden Raubtieren andichten ließen. Derlei mutet heute, da Leu und Tiger längst den Steiff-Knopf im Ohr tragen und zu Kuscheltieren im Kinderzimmer geworden sind, nur noch verwegen oder lächerlich an. Verantwortlich für solchen Wandel der Wahrnehmung sind der Tierfänger Karl Hagenbeck und der Dichter Rainer Maria Rilke.

"Leicht beieinander wohnen die Gedanken, Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen"

Hat der Volksmund sich dieses Zitats aus "Wallensteins Tod" je bemächtigt? Und wenn ja, wer könnte es im Munde führen? Umzugsberater, Möbelpacker, Menschen mit negativen WG-Erfahrungen? Oder der Betrunkene, der nachts heimkommt und nach dem Lichtschalter tastet?

Dort, wo Volkstümliches an Bildungsbürgerliches stößt, dürfte man die Verse eher im Sinne Wallensteins zitieren, der damit dem jungen Tugendbolzen Max Piccolomini den Realismus des reifen Zynikers entgegenhält: Für hochfliegende Ideen und Ideale ist im Kopf zwar viel Platz, doch im Reich der Zwecke hat es der Handelnde mit harten Tatsachen und unversöhnlichen Antinomien zu tun.

Wallenstein aber ist ein Meister des Selbstbetrugs. Seine Einsichten und Behauptungen dienen dem Dramatiker Schiller nur als Spielmaterial bei der Erzeugung des Effekts, auf den es ihm ankommt: der inneren Freiheit des Betrachters, die aus der ästhetischen Balance, der Aufhebung von Gegensätzen durch die künstlerische Form hervorgeht. Und er macht sich oft den Spaß, jene befreiende Dialektik auch en miniature durchzuexerzieren. So wie hier: Der Dualismus von Geist und Materie wird durch Sprachmusik in perfekter Schwebe gehalten.

Das Helle, Leichte, Fließende der geistigen Welt und das Trübe, Schwerfällige, Widerständige der materiellen werden sinnlich fühlbar in Rhythmus und Klang, in der Eleganz des Gedanken-Bildes und der kurios ungehobelten Stoß-Metapher. Wo beide Sphären aufeinandertreffen, in der Nussschale eines Verspaares, entsteht eine Art Vakuum, in dem man aller Erdenschwere enthoben ist. So war er eben, unser Schiller: groß im Produzieren von geflügelten Worten, aber auch von Worten, die Flügel verleihen.