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Schauspielhaus Zürich:Spieglein, Spieglein...

Christopher Rüping inszeniert John Steinbecks "Früchte des Zorns", Nicolas Stemann das Märchen "Schneewittchen".

Mit ihrem Start haben Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg das Zürcher Publikum umgarnt und begeistert. Der Plan, die ersten Wochen ihrer gemeinsamen Intendanz mit acht bestehenden Regiearbeiten der acht Hausregisseurinnen und -regisseure (einer davon ist Co-Intendant Stemann selbst) zu bestreiten, ging auf. Die Zürcher waren neugierig auf ihr neues Theater, nahmen verwundert das nun im LED-Licht gleißende Foyer der bürgerlichen Repräsentationsbühne, des Pfauen, hin, dem Anschein nach liefen nicht einmal die alteingesessenen Abonnenten davon, sondern wurden Teil eines deutlich verjüngten, hippen, bunten Publikums.

Das wirkte schon alles wie die erfolgreiche Erprobung eines Stadttheaters der Zukunft, und in diese Atmosphäre hinein positionierte Christopher Rüping dann die erste, echte Neuinszenierung am Schauspielhaus, im Pfauen. Es geht um Armut.

1939 beschrieb John Steinbeck in seinem Roman "Früchte des Zorns" die Folgen der großen Depression. Im klimatisch harten Südwesten der USA verlieren Kleinbauern ihren Landbesitz, machen sich auf nach Kalifornien, verdingen sich als unterbezahlte Erntehelfer, haben kaum genug zu essen, um zu überleben. Steinbeck schildert dies anhand der Familie Joad, im Kern Mutter, Sohn und Tochter, um die herum weitere Familienmitglieder und Fremde kreisen, der Mann der schwangeren Tochter macht sich davon, ein Prediger, Jim Casy, taucht auf und wird von Schlägern der Landbesitzer getötet. Dieses große Elendstableau grundiert Steinbeck mit einer mystisch anmutenden Hoffnung auf Solidarität. Im Schlussbild des Romans wie auch der Aufführung wird geschildert, wie Rose, die Joad-Tochter, nach ihrer Totgeburt einem verhungernden Landstreicher die Brust gibt.

Um die Arbeiterfamilie Joad herum tobt die "Gucci-Gang" und macht sie fertig

Rüping nähert sich dem Stoff aus großer Distanz. Weder will er Steinbecks Roman als Sozialreportage auf die Bühne bringen, noch so tun, als wäre dessen Sprache, dessen Ton heute von unmittelbarer Treffsicherheit, was nichts an der paradigmatischen Wucht der Geschichte ändert. So stehen die drei Joads - Maja Beckmann als Mutter, Nils Kahnwald als Sohn Tom und Nadége Kanku als Rose - in schlichtem, schwarzblauem Gewand auf der Bühne und tappen hinein in Steinbecks Text. Dieser Vorgang thematisiert auch die Skepsis dreier in Zürich wohlbestallter Schauspieler, Armut so einfach runterspielen zu können. Rüping inszeniert diese Annäherung intellektuell sehr klug, aber bar jeder Sinnlichkeit. Allein Beckmann, gerade mit dem "Faust"-Preis als Schauspielerin gekürt, hat als Mutter Joad mit deren hemdsärmeligen Optimismus tolle Momente.

Früchte des Zorns nach John Steinbeck

Unterbezahlte Feldarbeiter ernten "Früchte des Zorns". In John Steinbecks Roman geht es um die Folgen der großen Depression.

(Foto: Zoe Aubry)

Um die drei herum tobt die "Gucci-Gang", fünf in einen grellen Luxusmarkenverhau gehüllte Schauspieler, die den Joads den Rest ihrer Würde nehmen. Kotoe Karasawa singt von der Verheißung Kaliforniens, zum Hohn werden Plastikpalmen aufgeblasen und tragen die "Guccis" die herrlichen Früchte, von denen die Joads nur träumen können. Benjamin Lillie zerrt die Klima- und Elendsflüchtlinge in eine improvisierte Talkshow, um ihnen den Rest zu geben. In den besten Momenten hat die Vorführung des krassen Zynismus der Reichen beklemmende Kraft. Wenn sie sich von der Meta-Theatertheorie befreit. Am Ende ist sich Rüping mit Steinbeck einig: "Deine Not ist das Abfallprodukt von Menschen ohne Not."

Wenige Tage später liefert Stemann selbst seine erste Zürcher Neuinszenierung ab. Was für ein Statement: Der Intendant macht das Kinderstück, schrieb für "Schneewittchen Beauty Queen" zum ersten Mal selbst einen Text, frei nach den Brüdern Grimm, aber natürlich postdramatisch verschärft. Der Beginn knüpft durchaus an Rüpings Inszenierung an: Der Märchenonkel Lukas Vögler hat keine Lust mehr, für einen lausigen Stundenlohn den Kindern Märchen zu erzählen, er will ihnen die Wahrheit über die Welt verkünden. Das klappt auf Umwegen auch sehr gut, denn Märchen haben schon immer einen dunklen Kern enthalten, und der wird, obwohl ein Mordsspaß, freigelegt.

Schneewittchen - Henni Jörissen

In Nicolas Stemanns Märchen-Patchwork "Schneewittchen Beauty Queen" ist auch Rotkäppchen (Henni Jörissen) mit von der Partie.

(Foto: Zoé Aubry)

Stemann selbst macht mit zwei Kollegen Musik, die manchmal klingt, als habe eine Band nicht mitgekriegt, dass die Bar bereits geschlossen hat, dann aber wieder munter nach vorne geht. Dazu entwirft er ein Märchen-Patchwork mit einem furchtlos-emanzipatorischen Rotkäppchen (Henni Jörissen) und einem Schneewittchen (Giorgina Hämmerli), das die Zwerge zur Hausarbeit animiert. Der Jäger kann keine Tiere töten, der herrliche Kay Kysela spielt auch den Spiegel, der immer wahr sprechen muss. Der König ist selten da, weil er daran arbeitet, wie er "die armen Menschen noch ärmer und die Umwelt noch dreckiger machen kann", damit er der reichste Mensch der Welt wird. In der Pause gibt es "vegane Äpfel", und am Ende rettet Tabita Johannes als Königin den Märchenwald vor des Königs Neubauprojekt mit all dem für Schönheitsoperationen angesparten Geld. Ein Ende wie im Märchen. Im Dezember bringt Stemann die Erwachsenenversion heraus; doch hier ist schon alles drin.