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Schauspielhaus Düsseldorf:Drei Stunden Vollblut

Nach Jahren des Umbaus gibt es im wiedereröffneten Düsseldorfer Schauspielhaus zum Auftakt "Dantons Tod" von Georg Büchner und Helene Hegemanns "Bungalow".

Von Martin Krumbholz

Es sei noch zu früh für ein Urteil, meinte der chinesische KP-Funktionär Zhou Enlai, als er kurz vor seinem Tod (1976) um eine Bewertung der Französischen Revolution gebeten wurde. Georg Büchner, der sein Drama "Dantons Tod" vierzig Jahre nach den Ereignissen verfasste, hätte dieses Statement vermutlich unterschrieben. Armin Petras, der das Stück zur Saisoneröffnung in Düsseldorf inszeniert, ist sich dagegen sicher: Die sogenannte Revolution mit ihren Parolen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" war nichts anderes als ein einziges Blutbad. Olaf Altmanns Bühne stellt bereits eine Art Guillotine dar, zugleich Rutschbahn und Guckkasten.

Man ist in Düsseldorf heilfroh, nach Jahren des Umbaus endlich wieder das schöne Haus am Hofgarten bespielen zu dürfen - alle waren zur Eröffnung dabei, vom Oberbürgermeister bis zu illustren Vertretern der Kunstszene. Zwar ist der Musentempel jetzt ein wenig verdeckt durch eine weitere (sicher unabdingbare) Shoppingmall, die Rasenfläche gegenüber grünt noch nicht, und der hübsche gläserne Kassenpavillon steht auch noch nicht auf dem Gustaf-Gründgens-Platz. Vor fünfzig Jahren war die Bernhard-Pfau-Ikone, gleich neben dem ebenfalls spektakulären "Dreischeibenhaus" (dem Thyssen-Krupp-Hochhaus), eingeweiht worden, im Januar wird das Jubiläum gefeiert.

Seinerzeit hatte der Intendant Karl-Heinz Stroux persönlich "Dantons Tod" inszeniert, jetzt, unter Wilfried Schulz' Ägide, also Petras. Und es ist die erwartete auftrumpfende Großinszenierung geworden, mit rund zwei Dutzend Leuten auf der Bühne: Das Kernensemble verstärkt durch Studierende des Salzburger Mozarteums. So lässt sich das personenreiche, fiebrige, aus vielen Originaldokumenten gesampelte, rhetorisch glanzvolle Werk des Genies Büchner jedenfalls eindrucksvoll vergegenwärtigen. Gespannt durfte man sein, wie der stoische Minimalismus des Bühnenbildners - sein Markenzeichen - und Petras' nervöser Hyperaktivismus beim Herbeischaffen sich selbst überbietender Einfälle sich miteinander vertragen würden.

Dantons Tod

Personenreiche Großinszenierung: Büchners „Dantons Tod“, in Szene gesetzt von Armin Petras.

(Foto: Thomas Aurin)

Ganz gut. Drei Stunden Vollbluttheater (buchstäblich) sind es geworden, prägnante, geschickt choreografierte Gruppenszenen und treffliche historische Kostüme (Annette Riedel) ergeben ein grandioses düsteres Requiem. Das politische Programm der Revolution, die "in das Stadium der Reorganisation eingetreten ist" (will sagen des Mordens), wird nach allen Regeln der Kunst erledigt. Dass im Text letztlich mehr von Sex als von Politik die Rede ist, scheint den Regisseur dagegen nicht so sehr zu interessieren. Robespierres Ressentiment gegen den gemäßigten Widersacher kreist ja geradezu manisch um die Tatsache, dass Danton mehr vom Leben hat als der knöcherne Rechthaber aus Arras, der "das Laster" geißeln will. "Wer am meisten genießt, betet am meisten", verkündet weise die Hure Marion. Und solchen Figuren gilt zweifellos Büchners Sympathie.

In der großen Szene der direkten Konfrontation der Kontrahenten entblößt Danton sich erst einmal - physisch. Ich habe nichts zu verbergen, und ich bin ein Mensch, soll das heißen. Lieke Hoppe, die den Robespierre spielt, ist durch dieses Zeremoniell allerdings kaum zu beeindrucken. Na und, scheint sie zu sagen, wollen wir etwa "die Rosse der Revolution am Bordell halten machen"? Die Energie eines eiskalten Engels geht von dieser Figur aus, während Wolfgang Michalek in Danton weniger den Genussmenschen als einen koketten, mit sich selbst zufriedenen Verlierer zeigt: "Sie werden's nicht wagen", lautet zuerst sein Mantra, später dann: "Ich habe es satt."

Für Hegemanns "Bungalow" verwandeln sich die Schauspieler in Prosamaschinen

Mit der Symbiose von Genuss und Gebet hat "Bungalow", der dritte Roman der 1992 geborenen Helene Hegemann, nichts am Hut. Die Autorin erzählt von einer dreizehnjährigen Stalkerin, Charlie, Kind einer alkoholkranken Mutter, die sich in ein erwachsenes, gut situiertes Paar "verliebt" (so nennt sie es) und sich, letztlich mit Erfolg, in das Intimleben der beiden einloggt. Das Buch verbindet eine stupende Eloquenz mit einer kalkulierten Schnoddrigkeit, einem hochempfindlichen sozialen Instinkt und einer unüberwindlichen Abneigung gegen Sentiment und Konformität.

"Bungalow" im Kleinen Haus ist einer jener Theaterabende, bei denen sich Schauspieler in Prosamaschinen verwandeln, die ellenlange Passagen aus Romanen auswendig lernen und ungefähr 1000 Rollen spielen müssen, während die Regie sich verzweifelt bemüht, die einzelnen Episoden nach brauchbaren Spielanlässen abzuklopfen. An der Rampe steht immer ein Mikrofon. Der Zuschauer, der das Buch nicht kennt, hat große Mühe, dem Plot zu folgen und hofft auf die eine oder andere Pointe, die sich in glücklichen Fällen denn auch einfindet. Simon Solbergs Inszenierung erfüllt dieses Programm komplett.

Bungalow

Für "Bungalow" müssen die Schauspieler ellenlange Passagen aus Helene Hegemanns Romanen auswendig lernen und ungefähr 1000 Rollen spielen, während die Regie sich verzweifelt bemüht, die einzelnen Episoden nach brauchbaren Spielanlässen abzuklopfen

(Foto: Thomas Rabsch)

Es ist ja schon beim Lesen des Romans nicht einfach, die Idee zu erfassen. Ist das eine umgekehrte Lolita-Geschichte: Die Dreizehnjährige setzt den pädophilen Erzähler als Protagonisten ab und macht sich selbst zum übergriffigen Subjekt, das ein fremdes Paar in seine Dienste nimmt? Vielleicht, aber das Motiv rutscht merkwürdig in die Peripherie. Die heimliche Hauptfigur, zeigt sich, ist die kranke, von Exzessen der Verwahrlosung heimgesuchte Mutter - und irgendwo auch der abwesende Vater. Hierhin führt die "schwarze Spur der Sehnsucht".

Keine Frage, Lea Ruckpaul als Charlie macht ihre Sache großartig, Judith Rosmair in der Rolle der Mutter ist ohnehin fabelhaft, und die anderen vier in ihren 1000 Rollen sind es ebenfalls. Daran liegt es nicht. Eher daran, dass man mit dieser Art von epischem Theater prinzipiell auf dem Holzweg ist.

Derweil extemporiert der junge Dramaturg Frederik Tidén im "Unterhaus", einer alten Probebühne und künftigen Spielstätte, ein so berührendes wie politisch virulentes queeres Soloprogramm. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.

© SZ vom 25.09.2019

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