Schauspielerin Déborah François "Jetzt nicht, Mami"

Der neue Star an Frankreichs Kinohimmel ist 20 Jahre jung, heißt Déborah François - und ist eine Belgierin.

Von Martin Zips

Europa stöhnt unter der angelsächsischen Kulturhoheit. Amerika und Großbritannien beherrschen Popmusik, Kunstmarkt, Kino. Und immer diese Selbstgefälligkeit! Die europäische Ausgabe des Time Magazine verkündete ja kürzlich den "Tod der französischen Kultur". Die Schlagzeile wurde mit einem bleich geschminkten Clown illustriert, der traurig auf eine welke Blume blickt. Drunter stand: "Schnell den Namen eines französischen Künstlers mit weltweiter Bedeutung nennen."

Déborah François 2005 in Cannes.

(Foto: Foto: AFP)

Mmmh.

Déborah François.

In einem dieser unbequemen, stickigen Programmkinos, in denen Philosophie-Studenten neben grau melierten Oberstudienräten von Frankreich, dem Frühling und der Jugend träumen und starke Frauen wie Isabelle Huppert, Juliette Binoche oder Audrey Tautou anhimmeln - dort hat man sie zuerst gesehen. In dem französischen Film "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" spielte Déborah François die Titelrolle. Seitdem ist klar: Wenn einer das europäische Kino, ja die französische Kultur zu retten vermag, dann ist es sie! Also auf ins vorweihnachtliche Lüttich. Denn der neue Stern an Frankreichs Kinohimmel ist ausgerechnet eine Belgierin.

"Entschuldigung, sind Sie vielleicht Déborah François?""Wer bin ich?", sagt die junge Frau in der Taverne Danoise. "Déborah François. Die Schauspielerin." "Nein", sagt die Frau. "Ich bin Arzthelferin."

Das ist ja auch so ein Erfolgsrezept des französischen Films: Nicht immer auf diese aufgetakelten Supermodels setzen, sondern auf die vielfältigen Schönheiten des Alltags. "Auffällige Frauen sind meist zu stark mit ihrem Sexappeal beschäftigt", wusste schon Katharine Hepburn. Andererseits: Ein bisschen so aussehen wie in ihren Filmen wird Déborah François vielleicht doch schon. "Nein", sagt auch die zweite Frau. "Ich heiße Natalie." Der Kellner bringt eine Tasse Kaffee. "Kennen Sie vielleicht Déborah François?" "Nein", sagt der Kellner.

Déborah François wurde 1987 als Tochter eines Polizisten und einer Sozialarbeiterin in Lüttich geboren. Schon mit fünf Jahren stand sie als Schneewittchen auf der Bühne. Mit 16 besuchte sie ein Filmcasting - zuvor hatte sie ein bisschen Schauspielunterricht genommen. Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne wählten sie gleich für eine Hauptrolle aus. In "Das Kind" spielte sie die Freundin eines Taugenichts, mit dem sie ein Kind hat, das der Taugenichts verkaufen möchte. Ein trauriger, ein wunderbarer Film. Aus dem täglichen Kinoprogramm leuchtet er heraus wie die bunten Kreidezeichnungen der Lütticher Kinder an der Promenade der Maas. Eine europäische Perle, versteckt im amerikanischen Kino-Popcorn. "Das Kind" gewann die Goldene Palme in Cannes. Das gibt es ja nicht oft, dass man als 16-jährige belgische Schauspielerin in einem Film debütiert, der gleich die Goldene Palme gewinnt. Zumal Belgier so etwas wie die Ostfriesen Frankreichs sind. Sie gelten als langsam, umständlich, ungehobelt.

Das Handy zwitschert

Ganz hinten in dem Restaurant Taverne Danoise, an einem Tisch unter einer Treppe, sitzt ein junges Mädchen mit schwarzem Pullover, Jeans und Stiefeln. Sie liest. Es ist - endlich! - Déborah François. Als der Reporter ihr die Hand geben möchte, stößt er ihre Kaffeetasse um. "Für einen Schauspieler ist die Reduktion das Wichtigste", sagt sie wenig später. "Wer Erfolg haben möchte, der muss sich zurücknehmen können." Dann erzählt sie. Von ihren Katzen, die Chimäre und Ulysses heißen. Von ihrem kleinen, pubertierenden Bruder und ihrer großen Schwester, die in einer Tierklinik arbeitet. François sagt, dass sie eine ziemlich gute Schülerin gewesen sei. Und dass sie eigentlich gerne Literatur studiert hätte, wenn das mit der Filmerei nicht dazwischengekommen wäre.

Draußen, in der Lütticher Innenstadt, findet gerade eine laute Kirmes statt. Es riecht nach Kohle, Staub und Abgasen. Ein Plakat direkt gegenüber der großen Bahnhof-Baustelle, wo irgendwann einmal der TGV halten soll, weist auf eine große Dinosaurier-Ausstellung hin. In den roten Backsteinhäusern dahinter sitzen Prostituierte in den Schaufenstern. Sie sehen fern, während sie auf Freier warten. Sechs Monate hatte Belgien überhaupt keine Regierung. Flamen und Wallonen konnten sich nicht einigen. Nun hat der König Guy Verhofstadt zum Ministerpräsidenten berufen. Aber nur auf Zeit. Advent in Lüttich ist eine eher traurige Angelegenheit.

Drinnen, in der Taverne Danoise, zwitschert ein Handy. "Jetzt nicht, Mami", sagt Déborah François. "Ich gebe ein Interview." Sie legt auf. "Wenn meine Mutter anruft, zwitschert mein Handy. Aber wenn jemand anruft, den ich nicht mag, dann schreit es." Sie erzählt, dass sie derzeit nacharbeite, wer eigentlich Chabrol war und wer Pasolini. Eigentlich kenne sie sich mit Kino nämlich gar nicht aus. "Ich erinnere mich höchstens an ,Die Schöne und das Biest' von Walt Disney. Ich bin nicht oft ins Kino gegangen. Meine Familie hatte nicht viel Geld." Sie war eines dieser Kinder, das sich stundenlang im Zimmer zurückziehen konnte. Um zu lesen. Auch heute noch lese sie mindestens 30 Bücher pro Jahr. Bücher sind ihre wahre Liebe. Klassiker wie "Brave New World" von Aldous Huxley, aber auch allerlei Fantasykram.

Seit ein paar Monaten, seit dem Erfolg in Cannes, ist vieles anders. Nun schickt man sie auf Filmfestivals nach Südamerika und Asien. Nun muss sie zu Fototerminen ins Studio oder muss Journalisten dämliche Fragen beantworten. "Es ist wie eine Rolle, die ich spiele. Und vielleicht ist das alles ja in ein paar Jahren wieder vorbei." Gerade stand Déborah François mit Moritz Bleibtreu und Sophie Marceau vor der Kamera. Gleich muss sie nach England. Dort beginnen die Dreharbeiten zu ihrem dritten Film in diesem Jahr. Ständig werden ihr neue Hauptrollen angeboten. Seit "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" - wo sie eine Metzgerstochter darstellt, die als Kindermädchen arbeitet - steht fest: Déborah François spielt so hintergründig wie die Deneuve und wirkt so charismatisch wie einst Romy Schneider. An den Tischen der Taverne Danoise ist sie hingegen: Eine unscheinbare junge Frau.

Wer ist schon Carla Bruni?

In Amerika will man jetzt "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" neu verfilmen. Auf Englisch. War ein Film in Europa erfolgreich, so darf das Drehbuch gelegentlich in Amerika als Rohmaterial herhalten. Aus Wim Wenders' "Himmel über Berlin" wurde so der Kitschstreifen "City of Angels" aus "Bella Martha" wurde "Rezept zum Verlieben". "Ich gehe mal davon aus, dass die mich nicht fragen werden, ob ich die Rolle noch einmal spielen möchte", sagt Déborah François. "Das ist schade. Gerade mein französischer Akzent würde auf Amerikaner sicher wunderbar böse wirken." Außerdem würde dem Time Magazine dann auch endlich mal wieder ein bedeutender Künstlername zum Thema Frankreich einfallen. Außer Carla Bruni.

Vor der Tür zündet sich Déborah François eine Zigarette an. Dabei lächelt sie dieses kühle, freundliche, selbstbewusste Lächeln einer 20-Jährigen. Bald wird sie wieder auf deutschen Leinwänden zu sehen sein. In Filmen, die "Der lange Abschied" heißen oder "Female Agent". Solche Filme wird man sich dann in einem dieser stickigen Programmkinos ansehen. Weil sie woanders nicht laufen.

Und nur das Zwitschern eines Handys könnte einen dabei stören.