Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek:Erfindungs-Reflexions-Aufarbeitungs-Kreativstrudel

Lesezeit: 3 min

Was Sie unbedingt wollten, war, einen Roman zu schreiben. Wie lange gärte die Idee in Ihnen, und wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Es gibt einen Mittelteil, in dem Igor seinen Verstand verliert, der war mal 70 Seiten lang und den habe ich vor acht Jahren geschrieben. Diesen hat dann jemand vom KIWI-Verlag gelesen und meinte, dass das herausgebracht werden sollte. Ich habe gesagt, schön, ich schreibe noch eine Vorgeschichte dazu, damit man versteht, was los ist und nicht gleich vom Irrwitz überrollt wird. Das Manuskript war ja sehr kryptisch und bestand zu großen Teilen nur aus abstraktem Wortschlamm, dem man eigentlich niemandem zumuten konnte. Damit habe ich dann begonnen und begab mich in einen derart starken Erfindungs-Reflexions-Aufarbeitungs-Kreativstrudel, dass ich innerhalb von zwei Monaten 300 Seiten geschrieben habe und von dem ursprünglichen Manuskript nur fünf Seiten übrig blieben. Ich weiß bis heute nicht, was das war, was mich getrieben hat, aber es war anscheinend wichtig.

Wer Bücher schreibt, weiß, wie schwierig es ist, einen Verlag zu finden. Wie kamen Sie zu Ihrem Verlag? Weiter weg vom Mainstream oder von den etablierten Genre-Schubladen geht es bei Ihnen kaum.

Ich und mein Verlag haben uns an der Bushaltestelle getroffen. Deshalb habe ich auch keinen Rat für andere. Vielleicht hilft hingehen und so lange "Hallo!" sagen, bis sie aufgeben und einen verlegen.

Im Kern der Geschichte wagt der Protagonist ein steiles Selbstexperiment: 100 Tage will er allein in einem dunklen Raum sich selbst und seinen Geist beobachten und Veränderungen feststellen. Haben Sie selbst derartige Versuche unternommen, oder wie haben Sie recherchiert?

Ich habe früher, als ich so alt war wie Igor in dem Buch, ein paar Wahrnehmungsexperimente gemacht. So mit Augen verbinden und nicht sprechen oder Rückwärtslaufen den ganzen Tag. 100 Tage habe ich nicht gemacht, aber das ist ja auch eine Verzweiflungstat, weil Igor sein Augenlicht verliert. Ich hatte eine glücklichere Jugend als er.

Jetzt haben Sie den Vergleich: Welche Vorzüge hat die Romanform, und wann eignen sich Hip-Hop-Miniaturen besser, wenn es darum geht, die Grenzen des Verstandes neu auszuloten?

Beides hat seine Vorteile. Bei Hip-Hop ist das oft rhythmusgetrieben und man kann jemandem in einer Minute so viele Bilder, Vergleiche und Abstraktionen um die Ohren hauen, dass der Verstand kurzzeitig ausklinkt. Oft hören viele dann aber auch einfach nicht mehr zu. Beim Roman hingegen kann man eine Figur über einen langen Zeitraum aufbauen, was eine wahnsinnige Bindung herstellt. Wenn der Autor diese Figur dann irgendwo hineinlaufen lässt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man mitgeht.

Sie geben in Ihren Texten gerne Rätsel auf. Verraten Sie uns ein Geheimnis über sich selbst?

Ich habe keins. Aber verraten Sie das bitte niemandem.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB