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Schauspieler Gottfried John wird 70:Zu markant für einen Typus

"Ich hasse es, der Mittelpunkt zu sein", notiert der mit sich ringende Jugendliche Gottfried John 1959. Tja. Fassbinder-Held, 007-Schurke und Caesar ist er trotzdem geworden. Nun wird der Schauspieler, der sich nie auf eine Rolle festlegen ließ, 70 Jahre alt.

"Ich kann mich doch selber nicht im Spiegel ansehen. Keiner hat so eine zerknautschte Schnauze mit Schlitzaugen und eine Stirn wie ein Neandertaler! Und das auf so einem langen, dürren Gerippe !" Der siebzehnjährige Gottfried ist tieftraurig, weil er kein Glück bei den Mädchen hat. Die Mutter tröstet ihn: "Du bist etwas ganz Besonders, Goddi, etwas Einmaliges, vielleicht bist du nicht schön, aber dafür bist du interessant, und wenn du lachst, geht die Sonne auf."

Gottfried John wird 70

Gottfried John als Soldat Clemens Koch bei Dreharbeiten der ARD-Serie "Theodor Chindler" 1978 in Prag.

(Foto: dpa)

Die Szene spielt sich im Paris des Jahres 1959 ab. Gottfried John, der an diesem Mittwoch seinen 70. Geburtstag feiert, schildert sie in seinem packenden autobiografischen Roman "Bekenntnisse eines Unerzogenen". Stationen einer immer prekären Kindheit und Jugend.

Aufenthalte in Heimen, Fluchten, Armut, Marginalität. Die exzentrische Mutter, der das Sorgerecht entzogen worden war, entführt den Sohn nach Paris und animiert ihn zur Schauspielerei: "Das ist der schönste Beruf, du wirst bewundert, du bist der absolute Mittelpunkt." Der mit seinem Selbstbild als Vogelscheuche ringende, qualvoll schüchterne Jugendliche notiert: "Ich hasse es, der Mittelpunkt zu sein!"

Im Mittelpunkt steht er dann doch. Nach einem Schauspielstudium in Berlin feiert er erste Erfolge auf der Bühne, unter der Regie von Hans Neuenfels übernimmt er große Parts: Richard III., Macbeth. Durch die Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder wird er zu einem der Stars des Neuen Deutschen Kinos. Internationale Berühmtheit erringt er als Bond-Bösewicht General Ourumov in "Golden Eye" (1995), wo er 007 (Pierce Brosnan) ein keckes "You can't win!" entgegenschleudert.

Katzenliebhaber und beschwörend eindringlicher Rezitator

Mehr als 130 Titel verzeichnet Gottfried Johns Filmografie, und wenn man seine markantesten Rollen Revue passieren lässt, wird klar: Er lässt sich nicht auf einen Typus festlegen, nicht auf den einsamen Wolf, den tragisch Zerquälten oder den sozialen Außenseiter. Es ist, als würde ihn seine markante äußere Erscheinung dazu herausfordern, die Kontraste zu suchen. Zartheit und Härte in einer Figur. Er spielt Märchenkönige und Gangster, Feldherren und Bettler, fasziniert als alkoholsüchtiger Kommissar (in der TV-Serie "Beckmann und Markowski") oder als gutherziger Gegenpart zu John Malkovich in Volker Schlöndorffs "Der Unhold" (1996).

Gottfried John, ein Katzenliebhaber und beschwörend eindringlicher Rezitator von Rilke-Gedichten, kann das fragile Ego eines Ehemanns in der Midlife-Crisis (in Doris Dörries "Bin ich schön") ebenso präzis verkörpern wie einen comichaften, mit goldenem Lorbeer bekränzten Caesar in "Asterix und Obelix gegen Caesar".

Schon Rainer Werner Fassbinder achtete darauf, ihm das weiteste Rollenspektrum zu eröffnen: vom klassenkämpferischen Werkzeugmacher in "Acht Stunden sind kein Tag" bis zum schicksalschwer gezeichneten Gegenspieler des Franz Bieberkopf in "Berlin Alexanderplatz".

Herrlich bizarr die Szene in Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden", wo John eine Jerry-Lewis-Nummer parodiert, sich wie ein übermütiges Kind als grotesker Vortänzer in den Mittelpunkt spielen darf. Hier bricht etwas von jener kindlichen Spontaneität ungefiltert hervor, die er sich bis heute bewahrt hat.

© SZ vom 29.08.2012/ihe

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