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Schauspiel Stuttgart:Zwischen Politik und Wahnsinn

Der Würgeengel

"Der Würgeengel" in Stuttgart: Im Vordergrund Celina Rongen, als Dolmetscherin und Haushälterin.

(Foto: Thomas Aurin)

Stück zum Lockdown: Viktor Bodó verwandelt Luis Buñuels "Der Würgeengel" in eine apokalyptische Corona-Party.

Von Egbert Tholl

Luis Buñuel drehte 1962 in Mexiko seinen Film "Der Würgeengel", ein ebenso rätselhaftes wie ungeheuer konkretes Meisterwerk. Eine feine Abendgesellschaft wird nach dem Besuch der Oper "Lucia di Lammermoor" vom reichen Herrn Nobile in dessen Villa zum Dinner gebeten. Von Beginn an ist etwas seltsam hier, die Hausangestellten verlassen noch vor Eintreffen der Gäste das Anwesen, ein Bär und eine kleine Horde Lämmer gehen im Haus spazieren. Das Dinner selbst ist eine Ansammlung blasierter, reicher und gebildeter Menschen, die anfangs auf Etikette bedacht sind, bis sie aus unerklärlichen Gründen den Raum nicht mehr verlassen können.

Was noch wie das dekadentes Abenteuer einer Party, die keiner verlassen will, beginnt, wird bald zu einer überbordenden Metapher dafür, was passiert, wenn man kultivierte Menschen zu lange in einen Raum einsperrt: Der Lack der Wohlanständigkeit blättert schnell ab. Aggressionen brechen auf, Begierden, die Gattin des Hausherrn hat ein Verhältnis, ein junges Paar findet sich und bringt sich im Schrank um, die Lämmer werden massakriert, die Notdurft wird im Schrank verrichtet, alle verwahrlosen völlig, werden hysterisch, sinnen auf Mord. Buñuel meinte selbst dazu, der Film sei rätselhaft, weil das Leben rätselhaft sei, und die religiöse Symbolik darin zu erklären, verspürte er nicht die geringste Lust.

Buñuel wusste nichts von einem Lockdown, zeigt aber, was in einem solchen passieren kann. Das macht den Stoff hochaktuelle fürs Theater, und Viktor Bodó brachte ihn nun am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne. Erzählte man dort nur den Film nach, es wäre erschütternd genug. Doch Bodó fügt mit sardonischem Grinsen ein scharf satirisches Vorspiel hinzu.

Die Tagung einer EU-Kommission wird vorbereitet, auf dem kreisrunden Konferenztisch die Mikrofone desinfiziert. Die Teilnehmer trudeln ein, müssen, was man auf großer Videoleinwand sieht, die Pupillen scannen lassen, die Schauspielerin Sylvana Krappatsch ist perfekt als Ursula von der Leyen hergerichtet. Die "Crisis Conference Commission", einberufen wegen Corona, offenbart schnell ihre komplette Nutzlosigkeit, kann sich nicht einmal auf die aktuelle Uhrzeit einigen, Merkel, Putin, Boris Johnson werden per Video zugeschaltet, kämpfen mit der Technik oder reden dummes Zeug.

Die Realität schlägt um in okkulte Rituale, Menschenopfer, Selbstmord und eine bizarre Technoparty, in der sich brutale Geilheit Bahn bricht

Viktor Bodó, geboren 1978 in Budapest, ist in seiner Heimat eine Gallionsfigur im Kampf der Künstler gegen die jede Freiheit einschränkende, ja aufhebende Politik des Viktor Orbán. Die Unfähigkeit Brüssels, dem undemokratischen Treiben der ungarischen Regierung Einhalt zu gebieten, breitet er mit Hohn, Spott und völlig berechtigtem Zorn in seiner ersten Inszenierung am Stuttgarter Schauspiel, 20 Minuten lang aus. Bis die Erzählung des Films auf der Bühne beginnt. Und dann geht es erst richtig los, mit zunehmend durchgeknallterem Irrsinn. Ein Pandämonium.

Die zuvor in einem multilinqualen Kauderwelsch agierenden Polit-Darsteller verwandeln sich nun in die Figuren des Films, in eine Sängerin, eine reiche Erbin, einen besonnenen Arzt, verbleiben am Konferenztisch, und unvermittelt brechen die ersten Aggressionen los. Die Dolmetscherin (Celina Rongen) und der nun auch klavierspielende Dolmetscher (Klaus von Heydenaber) werden drangsaliert, alles getreu mit den Worten aus den Film. Die Ausweglosigkeit wird noch weniger erklärt als in Buñuels Film, stattdessen treibt Bodó dessen Motive auf die Spitze. Ein Geheimnis gibt es hier nicht, trotz surrealer Filmeinsprengsel. Dafür gibt es eine vollkommen aus dem Ruder laufende Corona-Party der oberen Stände.

Durch das Vorspiel changieren die Figuren immer noch zwischen Politik und den Buñuel-Rollen. Jeder Wahnsinn ist also auch der eines machtvollen Entscheiders. Die Menschen legen die Sakkos und Kostümjacken wie ihre Kinderstube ab, laufen irr herum, auch auf dem Tisch, sie lieben Kitsch und Schlager, Nazareths "Love Hurts" oder "Dreams are my Reality", aber diese Realität schlägt um in okkulte Rituale, Menschenopfer, Selbstmord und eine bizarre Technoparty, in der sich alle der Kleider entledigen, sich brutale Geilheit Bahn bricht und selbst von der Leyen/Krappatsch absolut jede Contenance verliert.

Subtil ist das nicht, aber kompakt genug, um krass zu wirken. Wie eine dröhnende Ohrfeige. Am Ende können, wie im Film, die Menschen aus einem Zufall heraus den Raum verlassen. Und man ahnt, das nächste Treffen könnte wieder so ablaufen.

© SZ vom 30.10.2020

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