Schauspiel Stuttgart:Immer der leidige Sex

Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit

Die Vorlage zu "Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit" stammt von Arthur Schnitzlers "Reigen".

(Foto: Katrin Ribbe)

Hochbetrieb in Stuttgart mit einer Uraufführung von Roland Schimmelpfennig und dem geschwätzigen "Leuchtfeuer" von Nancy Harris.

Von Adrienne Braun

Die Spaghetti kleben noch an der Decke. Vermutlich bolognese. Auf dem Teppich Salat, im Bett Blutflecken, die Wände verschmiert. Es muss eine wilde Nacht gewesen sein auf Zimmer 711. "Hier war alles möglich", sagt der Hotelmanager, als er vor der Verwüstung steht. Aber er nimmt nicht etwa den Schaden auf, nein, er nimmt das Zimmermädchen, grob und brutal. "Ich bin dein Chef", sagt er, denn Jessie will an die Rezeption und endlich weg von "Sheets, towel and cleaning".

Es ist das alte Spiel, zu dem sich die Geschlechter zusammenfinden, Vorgesetzter und Angestellte, Ehefrau und Familienvater, Prostituierte und Soldat. In seinem neuen Stück "Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit" schickt Roland Schimmelpfennig jenes Personal ins Rennen, mit dem Arthur Schnitzler einst einen handfesten Skandal auslöste. Schimmelpfennig hat eine neue Version des "Reigen" geschrieben, die nun in Stuttgart heftig bejubelt wurde an einem prallen Premierenwochenende. Denn trotz Kurzarbeit wurde im Schauspiel Stuttgart während des Lockdowns durchgearbeitet, sodass man seit nach dem Neustart die Produktionen fast im Akkord präsentiert. Vor der Uraufführung im Schauspielhaus wurde sogar schnell noch die deutsche Uraufführung von "Leuchtfeuer" von Nancy Harris im Kammertheater abgefeiert.

Als "Pornograph" wurde Schnitzler von der Presse beschimpft, auch wenn er in seinem Manuskript den Akt hinter diskreten Gedankenstrichen verbarg. Auch im Schauspielhaus geht das Licht aus, wenn es zum Äußersten kommt, aber Schimmelpfennig hat die von Schnitzler streng gewahrte Form des Totentanzes doch deutlich aufgelockert. Er nutzt das Ringelrein, um unterschiedliche Lebensentwürfe anzudeuten - mit Typen, die man zu kennen scheint: Prenzlauer-Berg-Mutti, braver Familienvater, Filmproduzent und gealterte Schauspielerin.

"Me Too" lässt grüßen und war tatsächlich Anlass für den Stückauftrag

Es geht um Macht und Missbrauch, Betrug und Berechnung, dabei lässt sich Schimmelpfennig aber nicht zu plakativen Rollenzuweisungen hinreißen, sondern erzählt wie nebenbei vom verzweifelten Ringen um Lust, die heute mühsam mit Viagra, Pornos, Gewalt und SM-Spielen angeheizt werden muss. Hundert Jahre nach der Uraufführung des "Reigen" scheint Sex zur leidigen Pflicht verkommen zu sein. "Tut mir leid, so schnell kann ich nicht", sagt Frank beim Tinder-Date mit Nina. Sie hatte beim Chatten schon geahnt, was sie erwartet: "jämmerliches Leben", aber "geiler Körper".

Schimmelpfennigs Qualität ist es, vieles im Vagen zu belassen - und doch Abgründe auszuleuchten und etwa fein die Blessuren abzustecken, die der Soldat im Kriegseinsatz erfahren hat. Dass dieser Abend grandios gerät, ist aber auch der exzellenten Inszenierung von Tina Lanik zu verdanken, die die Figuren nicht auserzählen will, sondern ihre profane Glückssuche in poetische Bilder taucht. Als die Schauspielerin (Sylvana Krappatsch) den jungen Autor (Valentin Richter) verführen will, weil sie auf eine maßgeschneiderte Rolle hofft, spielen die beiden selbst das mögliche Drehbuch durch - eine köstliche Dopplung der Szene. Auch schauspielerisch ist dieser Abend stark. Ein Glanzstück, wie Marco Massafra den übergriffigen Hotelchef gibt. Das Zimmermädchen (Celina Rongen) wird später bei der Direktion Beschwerde einreichen.

"Me Too" lässt grüßen - und war tatsächlich Anlass für den Stückauftrag. Der Intendant Burkhard C. Kosminski versucht auf vielerlei Weise, sein Theater mitten in der Gegenwart zu verorten. So ging es in seinem Spielplan um Verschwörungstheorien, Querdenker oder Massentourismus. In Julian Mahid Carlys "Mermaid Cut" steckt die kleine Seejungfrau in einem Transkörper. "Leuchtfeuer" kam auf den Spielplan, weil es eines der wenigen Stücke ist, in dem die Hauptfigur eine Frau um die sechzig ist: Beiv, eine feministische Künstlerin. Die Skulptur eines riesigen Tampons machte sie berühmt, als Mutter aber hat Beiv versagt, wie ihr Sohn ihr wie in Dauerschleife um die Ohren haut. Der Vater starb auf hoher See - und der Sohn ist sicher: Die Mutter war seine Mörderin.

Leuchtfeuer

"Leuchtfeuer" ist ein Konversationsstück, allerdings eher eins der geschwätzigen Art.

(Foto: Björn Klein)

Allerdings ist "Leuchtfeuer" ein Konversationsstück der allzu geschwätzigen Art, dem sprachlich jede Kunstfertigkeit fehlt. Aus Sätzen wie "Leck mich am Arsch, krass" oder "Dieser verfluchte Ort" hört man heraus, dass Nancy Harris auch Drehbuchautorin ist. Sie greift zu schlichten Symbolen - wie großen Fenstern, die Beiv in ihr Haus einbauen lässt, um der Welt zu beweisen: "Ich habe nichts zu verstecken." Im Kammertheater ist die Villa mit Panoramablick ein Baugerüst, das in einem Wasserbassin steht (Ausstattung Oliver Helf). Die Regisseurin Sophia Bodamer scheint vor allem bemüht gewesen zu sein, mit den gewaltigen Textmassen fertig zu werden. Sie wollte dem Naturalismus der Autorin nicht folgen - und hat die Schauspieler deshalb oft starr an die Rampe gestellt. "Ich brauche frische Luft", sagt da der Sohn Colm (David Müller), springt ins Wasserbecken und bleibt dort liegen. Überzeugend ist das so wenig wie die schauspielerische Leistung dieses Abends.

Christiane Roßbach, die diese feministische Künstlerin recht blass spielt, ist übrigens noch keine sechzig und bestätigt damit, was der Filmproduzent bei Schimmelpfennig einmal sagt: "Keine Frau in den Fünfzigern wird von einer Frau in den Fünfzigern gespielt." Man hätte erwartet, dass dieser Produzent und Prototyp des toxischen Mannes als Widergänger von Weinstein und Co. dargestellt wird. Tina Lanik hat ihn stattdessen klug mit einer Frau besetzt, Evgenia Dodina. Ein dürres, albernes Männlein mit Macht. Als die Schauspielerin bei ihm anklopft, weiß sie sehr genau, wie die Spielregeln der Branche sind. Zähneknirschend lässt sie sich auf den Sex ein. Die Rolle bekommt sie trotzdem nicht.

© SZ/clu
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