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Schauspiel:Starker Mann, was nun?

Volkstheater

Alles zum Wohle der Familie – und zum Erhalt des Systems: Herakles (Max Wagner) malocht als Superheld und entfremdet sich dadurch von seiner Frau (Carolin Hartmann). Amphitryon (hinten: Thomas Eisen) ist stolz auf den Sohn.

(Foto: Arno Declair)

Simon Solbergs "Herakles" am Volkstheater München.

Er ist der Prototyp des männlichen Mannes - Mordskerl, Raubein, Kraftpaket: Herakles, der Superheld. Ein Mann wie ein Bergwerk. Stählerne Muckis, dümmlicher Geist. Einer, der ein Leben lang rackert und schuftet. Er bezwingt im Auftrag des Eurystheus Monster und Höllenhunde, erlegt den nemeischen Löwen und die neunköpfige Hydra, raubt, kämpft, trickst und mordet. Metzelt schon mal ein ganzes Volk nieder. Man nennt es seine "Heldentaten". Aber ist Herakles nicht vielmehr ein Arbeitssklave? Ein buckelnder Workaholic im Hamsterrad? Einer, der von Auftrag zu Auftrag hetzt und darüber sein Leben verliert? Während er das Leben anderer wie ein Bulldozer zerstört?

In seiner sehenswerten Inszenierung "Herakles" am Münchner Volkstheater zeigt der Pop- und Mash-up-Regisseur Simon Solberg den legendären Titelhelden als gestressten Söldner und Lohnarbeiter. Als einen abhängig Beschäftigten, der auf Raubzug geht wie andere Männer auf Montage. Alles der Familie zuliebe, wie er betont. Damit man sich demnächst ein Häuschen mit Garten leisten kann. Der abwesende Vater. Der Ernährer. Ein Funktionsträger der Leistungsgesellschaft. Zu Hause kommt man längst ohne ihn zurecht. Muss ja. Triftig die Szene, in der seine Frau Megara (Carolin Hartmann) dem Heimkehrer die täglichen Arbeiten vorhält, die in keinem Sagenbuch überliefert sind. Sie hat sich von ihm entfremdet: "Zu lange warst du fort. Ich kann nicht nah dir sein."

Der Held reagiert mit massivem Burn-out. Max Wagner spielt ihn mit strammer Körperpräsenz als schlichten Working-Class-Hero - blond, T-Shirt, Hosenträger -, der kaum einen geraden Satz sagen kann. In der wohl eindrücklichsten Szene des Abends steht er trommelnd vor einer Tonne und schmiert sich das Antlitz mit einer lehmigen Pampe ein, bis er vollends sein Gesicht verloren hat. Es ist die absolute Entindividualisierung. Der depersonalisierte Held der Arbeit mutiert zum Zombie, der im Wahn - hier: eine ausgemachte Depression - Frau und Kinder umbringt. Das Ambiente ringsum ist infernalisch, das Licht diffus, die Musik schwillt an ins Katastrophale. Starker Mann, was nun?

Die Inszenierung verdichtet sich zu einer Menschheitsdämmerung

Schon Frank Wedekind hat in seinem kaum bekannten Kriegsheimkehrerdrama "Herakles" (1917) den Heros psychopathologisch gedeutet. Solberg greift in seiner Fassung darauf zurück, ebenso wie auf Euripides und Gustav Schwab und macht daraus eine slapstickreiche, albtraumhafte Seelenrutschpartie auf patschnasser Bühne. Ein Rohrbruch scheint alles geflutet zu haben. Die Schauspieler gleiten, schlittern, stolpern durch die Lachen und erzeugen einen hohen Gag- und Stresslevel. Jeder hat eine feste Rolle, aber auch noch andere Aufgaben. So übernimmt jeder mal den Erzählerpart, und alle miteinander schaffen aus dem Stegreif das jeweilige Umfeld, in dem Herakles sich bewähren muss, sei es im Aufeinandertreffen mit dem sächselnden Atlas, mit den Amazonen oder mit den Toten im Hades. Wie das sechsköpfige Ensemble dabei mit Spiral- und Warmluftschläuchen in allen Größen und Formaten agiert und diese zu bizarren Bühnengebilden drapiert, ist so fantasievoll wie Fantasy-fantastisch. Alle Szenen speisen sich aus diesem Schlauchmaterial, das gewöhnlich zur Zelt- oder Hallenbeheizung dient. Mal kommen die raupenartigen Dinger als schlängelnde Hydra oder Baumstämme zum Einsatz, mal türmen sie sich riesig zur Orakelhöhle von Delphi. Auch im kleinen Spaßformat sind sie gut als Requisitenersatz zu gebrauchen, egal ob sie nun Krücken, Diademe, Handtücher, Herakles' Keule oder ein in den Armen zu schaukelndes Baby symbolisieren. Die Bühne hat Solberg selber entworfen, unter Mitarbeit von Katja Strohschneider, die passend zur zivilisationsmüllversifften Endzeitstimmung kuriose Kostüme im archaischen Industrial-Look entworfen hat. Wummernde Klänge, Bühnennebel - das Ganze ist auch ein Menetekel.

Läuft die Inszenierung anfangs Gefahr, allzu präpotent, albern und comichaft zu bleiben, verdichtet sie sich zu einer zivilisationskritisch imposanten Männer-, nein, mehr noch: zu einer Menschheitsdämmerung. Einer, in der dem tumben Malocher Herakles tatsächlich etwas dämmert. Zu spät. Götter gibt es bei Solberg nicht. Erlösung auch nicht. Nur hausgemachtes Menschenleid.