Schauspiel Märchentrümmer

Schahrazad (Linda Elsner) und der Sklave Bizeban (Thomas Prazak) fördern es zutage: die Schubladen des Königs (hinten: Anatol Käbisch) sind leer.

(Foto: Nikolas Hagele)

"Das Spiel der Schahrazad" im Theater Augsburg schreibt die traditionelle Rahmenhandlung von "1001 Nacht" als modernen Politthriller fort

Von Barbara Hordych

Worum es hier geht und gehen wird, das ist auf höchst beklemmende Weise ersichtlich, noch bevor das erste Wort gesprochen ist: Fünf fest in weiße Laken gewickelte Gestalten hängen überdimensionierten Würsten gleich an großen Haken von der Decke. Eine sechste Gestalt wird bald ebenfalls dort hinaufgezogen werden. Doch noch steht die junge Frau, der dieses Schicksal vorherbestimmt ist, in rote Schleier gehüllt auf einer Treppe, die sich am linken Bühnenrand nach oben zieht. Dass es eine Frau ist, geht nur aus dem leisen Wimmern hervor, das dieser von Schluchzern geschüttelte Körper ausstößt. Von einem glatzköpfigen Sklaven wird sie dessen ungeachtet die Treppe hinuntergestoßen, in die Mitte der Bühne gezerrt, in der ein großes Himmelbett bereit steht. Dort wartet König Schahriyar (Anatol Käbisch), einer großen Todesspinne gleich, auf sein nächstes Opfer. Sorgsam und routiniert lässt der Sklave Bizeban (Thomas Prazak) die Gazevorhänge herunter. So dass die Vergewaltigung, ebenso wie die kurze Zeit später erfolgende Ermordung, nur schemenhaft wahrzunehmen sind. Trotzdem vollziehen sie sich unverkennbar.

Wer unter dem Titel "Das Spiel der Schahrazad" einen munteren orientalischen Märchenreigen aus der Geschichtensammlung "Tausendundeine Nacht" erwartet haben sollte, ist spätestens jetzt eines besseren belehrt. Denn bei dem Schauspiel des türkischen Dramatikers Turgay Nar, das auf der Brechtbühne des Theaters Augsburg zur deutschen Erstaufführung kam, handelt es sich um eine Fortschreibung der Rahmenhandlung von "Tausendundeiner Nacht" zu einem Politthriller, der das Verhältnis von Tätern und Opfern, von männlichen Ritualen und weiblichem Widerstand behandelt.

So ist dieser König Schahriyar zwar ein frauenmordendes Monster, gleichzeitig aber auch ein Opfer, der seinem eigenen Geburtsrecht und Herrschaftssystem misstraut, von Kindheit an eingesponnen in die Einflüsterungen seines Wesirs (Klaus Müller). Nach der kurzen, gewalttätigen Befriedigung seiner Lust versucht er vergeblich, sich das Blut von seinen Händen zu waschen. In seinen verzweifelten Versuchen erinnert er an Shakespeares Lady Macbeth, die sich schlafwandelnd das unsichtbare Blut vollzogener Morde von den Händen zu waschen sucht. Doch in der grausamen Gegenwart von Turgay Nars Schauspiel ist das Blut kein Hirngespinst. "Die Sklaven haben begonnen, ihre jungfräulichen Töchter umzubringen, und mit ihrem Blut den Brunnen zu vergiften", erklärt der Wesir seinem Herrscher die rot gefärbte Flüssigkeit, die aus dem Wasserhahn strömt.

Womit der Punkt erreicht ist, an dem sich das System von Manipulation, mit dem der Wesir den jungen König in seinen Wahn getrieben hat, einem Bumerang gleich auf ihn selbst zurückschlägt. Wenn die Sklaven in einem subversiven Akt des Widerstands ihre Kinder lieber töten, als sie dem König zuzuführen (und mit dem Trinkwasser dem Herrschaftssystem symbolisch die Lebensgrundlage entziehen), verlangt der König Schahrazad, die belesene Tochter des Wesirs, als nächste Hinrichtungskandidatin. Die ist einerseits klug genug, gegen das Gebot von Vater und König nicht zu revoltieren. Andererseits ist sie fest entschlossen, das Morden zu beenden. "Ich komme wieder", verkündet sie ihrer Schwester. Und wer diese unerschrockene Schahrazad, verkörpert von Linda Elsner, hört und agieren sieht, glaubt ihr aufs Wort.

Wie es der begabten Geschichtenerzählerin gelingt, den Herrscher von seinem rachsüchtigen Tun - das in der originalen und nicht weniger grausamen Rahmengeschichte als Reaktion auf die Untreue seiner einst geliebten Ehefrau erklärt wird - ist hinlänglich bekannt. Schahrazad erzählt ihm die titelgebenden 1001 Nächte lang so hinreißend Märchen, dass es den König nach immer mehr verlangt. Worüber er glattweg vergisst, sie zu töten.

In dem Stück von Turgay Nar ist es hingegen nur eine Geschichte, die Schahrazad erzählt. Die allerdings berührt den König so existenziell, dass er darüber nicht nur die Tötung, sondern auch den sexuellen Akt vergisst. Enthält sie doch nichts weniger als seine eigene Herkunftsgeschichte, die der Wesir bislang geschickt vor ihm verborgen hielt. So sind denn auch die auf der Bühne gestapelten Schubladen des Königs, die nach und nach geöffnet werden, alle leer. Vollgeschrieben sind hingegen die unzähligen Tagebücher der Unterdrückten, die heimlich auf dem Friedhof der Sklaven begraben wurden. Mitwissern wie Bizeban, die die Wahrheit erzählen oder aufschreiben könnten, wurden Zunge und Finger abgeschnitten. So obliegt es Linda Elsner in ihrem psychologisch überzeugenden Spiel als Schahrazad, der Geschichte der Unterdrückten eine Stimme zu verleihen.

Das Märchen, das sie dem König in aufklärerischer Mission erzählt, existiert in der tradierten Geschichtensammlung nicht. "Das habe ich mir ausgedacht, ebenso wie die Figur des Sklaven Bizeban", sagt Turgay Nar, der zur Premiere seines 20 Jahre alten Stücks aus Istanbul angereist ist. Übersetzt und in eindringlichen Bildern inszeniert hat es der Augsburger Regisseur Ferdi Degirmencioglu, Migrant der ersten Gastarbeitergeneration. "Ich habe bewusst ein Stück aus der orientalischen Erzähltradition gesucht, das auch im Westen bekannt ist. Gleichzeitig aber auch ein modernes Stück, in dem genau diese Märchenwelt in tausendundein Stücke zerlegt wird", sagt der Regisseur.

Das Spiel der Schahrazad, deutsche Erstaufführung, 18., 22. und 23. Mai, 19.30 Uhr, Theater Augsburg