Schauspiel Leise weht Poesie vorbei

Jakob Geßner (vorne) als Pozzo in "Warten auf Godot" am Münchner Volkstheater.

(Foto: Gabriela Neeb)

Nicolas Charaux inszeniert am Münchner Volkstheater Becketts "Warten auf Godot" und befreit dabei den Text vom Staub der Jahrzehnte

Von Egbert Tholl

Die Ankündigung, am Münchner Volkstheater komme "Warten auf Godot" heraus, führt a priori nicht unbedingt zu haltloser Vorfreude. Beckett, das war doch einmal, da denkt man an große Kammerspiel-Tragödien in minutiös gedachten Aufführungen, vor vielleicht 30 oder mehr Jahren. Und man denkt weiter, dass es auch ganz in Ordnung ist, dass es inzwischen so lange her und Beckett eigentlich aus der Mode ist.

Nun gibt es am Volkstheater keine großen, alten Tragöden, weil kein Ensemblemitglied dort alt ist. Das erweist sich als wunderbarer Vorteil. Denn Nicolas Charaux inszeniert Becketts Rätseltext der überzeitlich-zeitgebundenen Sinnlosigkeit als reines, schönes, lustiges Theater. Zwar muss es einen immer noch nicht wirklich kümmern, worum es hier geht, was ja ohnehin kaum jemand sinnstiftend erklären kann, aber es macht Freude. Ein Beckett-Abend, aus dem man viel leichter herauskommt kommt, als man mit trüben Erwartungen beladen hineinging.

Nicolas Charaux hat die Regieanweisungen inhaliert und setzt sie sorgsam um, es gibt einen dicken Knödel in schmutzigem Rosa auf der Bühne und einen Baum, der aus zwei Holzstangen besteht, an dem im zweiten Teil grüne Kuben, also die Blätter hängen. Sonst gibt es Beckett-gemäß nichts, und der Raum von Pia Greven ist schwarz und geschlossen, bis auf den Durchgang für Pozzo und Lucky, das Herr-Knecht-Duo, das Jakob Geßner und Jonathan Hutter beim ersten Auftritt mit leicht greller, aber höchst genau dosierter Komik verkörpern. Bei ihrer Wiederkehr ist ihre Zerstörung umfassend, groß, bizarr, zwei Clowns in abstruser Abhängigkeit aneinander gekettet.

Voneinander abhängig sind ja auch Wladimir und Estragon. Silas Breiding und Jonathan Müller spielen die beiden herrlich konkret. Nie betonen sie den Unsinn ihrer Rhetorik, die sie völlig selbstverständlich bedienen. Manchmal erträgt Jonathan Müllers Estragon die unendliche Zweisamkeit schlecht, dann wird er empfindlich und versucht zu fliehen. Aber das kann er nicht. Silas Breidings Wladimir kann das auch nicht, versucht aber, seine gute Laune zu bewahren. Zu Beginn des zweiten Teils leuchten dann beide, entdecken zwischen Fürsorge, Zuneigung, Sehnsucht und Verzweiflung ein Glücklichsein.

Zweimal zaubert Charaux unendlich schöne Poesie, jeweils zum Aktschluss. Wladimir und Estragon machen manchmal Musik, mit Musikharmonika und einer scheuen Kastagnette. Wie zum Ende von Teil eins kommt ganz am Schluss ein großer, weiß leuchtender Ball aus der Unendlichkeit des Bühnenhimmels herab, den die beiden bestaunen wie beim ersten Mal, dazu spielen sie wieder, der eine die leise verwehende Melodie, der andere den zarten rhythmischen Nachklapp. Diesem verlorenen, auf ewig verbundenen Schicksalspaar schenkt Charaux ganz am Ende einen möglichen Ausweg, der vielleicht auch nur ein Hinausdenken aus diesem schwarzen Kasten ist, in dem kein Godot kommt und ja auch sonst wenig passiert.

Natürlich könnte man den Text nutzen für eine radikale Neudeutung, Wladimir und Estragon als Penner im Bankenviertel, als Gestrandete auf Lampedusa. Aber das wäre doch nur Tünche. Charaux ist ehrlich. Und hat damit Erfolg.