Premiere in Köln:Lachen gegen die Achtsamkeit

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Premiere in Köln: "Der eingebildete Kranke" von Molière, in einer Überschreibung von Barbara Sommer & Plinio Bachmann am Schauspiel Köln.

"Der eingebildete Kranke" von Molière, in einer Überschreibung von Barbara Sommer & Plinio Bachmann am Schauspiel Köln.

(Foto: Thomas Aurin)

Aus Molières "Der eingebildete Kranke" wird am Schauspiel Köln eine Quasi-Volkskomödie mit Hang zur Flatulenz.

Von Alexander Menden

Was macht man, wenn einer von seinem eigenen Stuhlgang besessen ist? Man bildet einen Stuhlkreis, na klar: Umringt vom Restpersonal des "Eingebildeten Kranken", mit Louis-XIV.-Perücke und im besudelten Nachthemd, krümmt Rosa Eskat sich als Molières Argan auf der ebenso besudelten Chaiselongue. Später wird sie sich auf einen Eimer hocken, um ihre ausgefeilte Fäkalrhetorik ("Voller Darm mach Lendenlahm") substanziell zu untermauern.

Dass das Potenzial für Kack- und Furzwitze in diesem unverwüstlichen Hypochonder-Stück immer für Lacher gut ist, das weiß Stefan Bachmann natürlich. Der Intendant des Kölner Schauspiels nutzt die Vorlage für seine Inszenierung im Mühlheimer Depot 2 nach Kräften. Dabei kriegt die Stadt selbst ein bisschen Schmierstuhl ab ("Kolon, Colonia, Köln. Diese andauernde anale Kolon-Kolonisation ist nirgends so zu Hause wie in dieser Stadt Köln."), und - Spoiler alert - auch die Schlusspointe ist ein Pups - leise aber tödlich. Anderthalb Stunden Pupasch-Humor also?

Nicht ganz. Das andere, nicht notwendigerweise inhaltlich mit der permanenten Darmobsession verbundene Element der Molière-"Überschreibung" des Zürcher Autoren-Duos Barbara Sommer und Plinio Bachmann ist eine Satire auf die Sprache politisch korrekter Triggerwarner. Die Inkarnation dieser Rhetorik ist der Lover von Argans Tochter Angélique, Cleánte, hier verkörpert von Lola Klamroth. Dieser nervös zuckende junge Mann mit Nickelbrille gibt einen konstanten Strom achtsamer Inklusionssprüche von sich. Er findet es "schön, dass ich mich da gemeint fühlen darf", er möchte "Hen, Hyn und Ham" als "Pronomen für Personen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität" voraussetzen dürfen und beschreibt anhand der "fünf c's" (Context, Communication, Consent, Choreography und Closure), wie man beim Schauspielern missbräuchlichen Grenzüberschreitungen vorbeugt.

Gegen Diversität? Gegen Querdenker? Gelacht wird so oder so

Man könnte diese kabaretthafte Satire als Backlash gegen das woke deutsche Gegenwartstheater mit seinen hohen Ethikstandards und stellenweise prekären Zuschauerquoten verstehen, aber dem haben die Autoren vorgebeugt. Der Produktion ist die Meta-Selbstbeobachtung mit eingeschrieben, wenn Cléante vor "plumper Cross-Gender-Besetzung" warnt und lieber etwas Genderfluides hätte, "um nicht in die Falle falscher Zuordnungen und Festschreibungen zu tappen". Bachmanns eigene Cross-Gender-Besetzung - Cléante, Doktor Purgon und Argan von Frauen gespielt, Argans Frau und Tochter, Béline und Angélique, von den männlichen Ensemblemitgliedern Paul Basonga und Kei Muramoto - wird also selbst als zu wenig divers und offen kritisiert, wenn auch (Doppelbrechung!) ziemlich unernst.

Zugleich kriegen die Impfleugner einen mit, wenn Kais Setti als Béralde zum Rundumschlag gegen die Ärzteschaft ansetzt, die sein Bruder Argan so verehrt: "Das schulmedizinische Kartell ist gar nicht an richtiger Heilung interessiert - was sie wollen, ist die Idee der Heilung zu vermarkten, während sie ihre Patienten mit Medikamenten vollpumpen, deren Wirkung sie gar nicht genau abschätzen können." Damit hier niemand auf die Idee kommt, man sei politisch einseitig.

Letztlich entsteht der merkwürdige Eindruck einer Quasi-Volkskomödie mit Analfetisch, die sowohl der Diversitäts- als auch der Querdenker-Lobby verbale Arschtritte verpasst. Zuschauer, die das womöglich als Teil eines echten Kulturkampfes missdeuten, dürfen sich damit beruhigen, dass man nach straffen anderthalb Stunden Spielzeit draußen auf ein "divers" beschriftetes Klo gehen kann. Gelacht wird so oder so, und das ist in Köln ja ohnehin immer das Wichtigste.

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