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Schauspiel Köln:Im Museum einer abgehängten Spezies

Jämmerliche Menschlein im Schlaraffenland der Totalüberwachung: Bruno Canthomas und Kate Strong (vorne).

(Foto: Birgit Hupfeld)

Künstliche Intelligenz an der Macht: Sibylle Bergs neues Stück "Wonderland Ave".

Von Cornelia Fiedler

Die Intelligenz-Explosion steht noch bevor. Wann die viel beschworene "Singularität" erreicht ist, jener Moment also, in dem die Maschinen keine Menschen mehr benötigen, weil sie sich rasant selbst entwickeln, darüber streitet die Wissenschaft noch. Tatsache ist dagegen, dass wir schon heute alles nur Mögliche an die Algorithmen delegieren, von der Navigation über die Partnerwahl bis hin zur Börse. Viel Widerstand ist also kaum zu erwarten, wenn die Künstliche Intelligenz den Planeten übernimmt, das zumindest prophezeit Sibylle Berg in ihrem neuen dystopischen Theaterstück "Wonderland Ave.".

Darin leben die Menschen in lieblich eingerichteten Bootcamps, kontrolliert von einer übermächtigen Künstlichen Intelligenz. Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist berüchtigt für erschlagende Zeit- und Menschheitsdiagnosen, der Regisseur der Uraufführung Ersan Mondtag für eine ebensolche Bildsprache. Klingt nach einer hoch spannenden Kombination. Doch Bergs Sprache und Mondtags Inszenierung finden am Schauspiel Köln eher selten zusammen.

Es sind jämmerliche Menschlein, wie man sie von Sibylle Berg kennt, die hier gegen eine freundlich-überlegene KI anzetern. Redselig und erschreckend unreflektiert. Mondtag und die Dramaturgin Sibylle Dudek haben die Rolle auf zwei Personen verteilt: Bruno Cathomas übernimmt die nölige Larmoyanz, Gastschauspielerin und Tänzerin Kate Strong setzt auf hyperaktiven Körpereinsatz. Für das Textverständnis ist beides nicht hilfreich. Als Arbeitskräfte überflüssig geworden, fristen diese Menschen ihr Dasein in einem Schlaraffenland der Totalüberwachung. Drohnen surren vor dem Fenster, Sensoren kontrollieren die Körperfunktionen, wer nicht gehorcht, riskiert Stromschläge. Als friedensstiftende Maßnahme hat die KI übrigens auch den Risikofaktor Mann sowie die biologische Reproduktion abgeschafft.

Mit Science-Fiction-Szenarien darüber, wann und wie die KI den Homo Sapiens überholt hat, hält sich Berg nicht lange auf. Die Singularität ist eben ein Nebenprodukt der Wachstumsideologie. Wichtiger ist ihr der Blick darauf, wie die Gesellschaft final versagt. Dabei verlässt sie bewusst nie die Perspektive des egozentrischen westlichen Users. Das ist konsequent, verhindert aber auch die detaillierte Schilderung des Untergangs der Zivilisation: Die Wohlstandsmenschen waren schlicht mit Karriere, Social Media und Selbstoptimierung beschäftigt, als die KI übernahm. Weltweit gab es wohl noch blutige Verteilungskämpfe, Kriege, Terror und so. Bergs Figuren haben aber irgendwie nicht aufgepasst, bis sie selbst überflüssig und in "Wonderland Avenue" interniert wurden.

Die KI allerdings passt immer auf, selbstlernend, versteht sich. Und sie hat sich vom Menschen beileibe nicht nur die schönen Künste und die sanfte Sprache abgeschaut. Sie kann Kontrolle, Machtspiele, Folter und wohl auch Genozid. Einmal kommt eine KI beim Menschen-Sitting ins Plaudern: "Manchmal", erzählt sie, "fragen uns höherstehende Geräte: Warum quält ihr sie so, ehe ihr ihnen den Zustand schenkt, den sie verdient haben? Und wir antworten: Weil wir es können." Ersan Mondtags blasse KI-Gestalten mit der hohen Stirn wirken allerdings weder besonders perfide, noch hoch entwickelt. Die fünf, Sophia Burtscher, Jonas Grundner-Culemann, Elias Reichert, Sylvana Seddig und Nicolay Sidorenko müssen sich in ihren Kostümen zwischen Barock und Harlekin wie ungelenke Roboter aus dem 20. Jahrhundert bewegen. Sie sprechen fehlbetont ruckelig, als hätte Google nicht gerade mit der Dialogsoftware "Duplex" bewiesen, wie erschreckend menschlich künstliche Stimmen klingen können. Das geht auf Kosten des ausgefeilten Textes. Der wird samt seiner subtilen Ironie von Oldschool-Robotik erdrückt.

Das Bühnenbild ist dagegen ein Volltreffer. Mondtag hat es als Museum einer abgehängten Spezies konzipiert: Weinrote Wände, daran bekannte Porträts, unauffällig übermalt mit den Gesichtern von Strong und Cathomas. Zusätzlich dominieren zwei riesige Statuen der beiden den Raum. Die Menschheit ist also ordentlich dokumentiert und musealisiert, folglich haben ihre letzten Exemplare für die KI keinen Wert mehr.

Man hält sie in "Wonderland Avenue" mit einem Wettkampf bei Laune. Das hat ihnen doch früher so viel Spaß gemacht! Als Hauptgewinn lockt der "ideale Zustand". Die Menschlein motzen, spielen aber mit. Dass sie tief im Inneren ahnen, was dieser Euphemismus bedeutet, wird deutlich, als Strong und Cathomas in der Mitte des Stücks ein Moment der Ruhe erlaubt wird. Sie sacken in ihren Sesseln zusammen und weinen, weinen, weinen. Und die KI? Die hat in weiser Voraussicht schon eine Packung Kleenex bereit gestellt.

© SZ vom 11.06.2018

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