Schauspiel "Ins Bett mit allen Feinden Brandenburgs"!

Die Prinzenrolle ist mit Katharina Rehn besetzt - so gelangt noch die Geschlechterfrage in die Inszenierung.

(Foto: M. Kaufhold)

Robert Gerloff inszeniert am E.T.A. Hoffmann Theater in Bamberg Kleists "Prinz Friedrich von Homburg"

Von Florian Welle, Bamberg

Heinrich von Kleist: radikal, hysterisch, zerrissen. Wer so über den Dichter schreibt, sagt schon lange nichts Neues. Der Literaturwissenschaftler Jakob Minor äußerte bereits 1911: "Kleist ist das schwierigste Problem der Literaturgeschichte. . ."

Nun, er ist es immer noch. Zur Freude umtriebiger Theaterregisseure verweigern sich alle Werke einer eindeutigen Lesart. Immer wieder werden neue Schneisen in seine Dramen geschlagen, allen voran in den "Prinz Friedrich von Homburg". Kleists "vaterländisches Schauspiel" bietet sich für Deutungen aller Art besonders gut an, weil am Anfang und am Ende ein Traum steht. Wie hängen die beiden Träume zusammen, die dem "General der Reuterei" die Sinne verwirren? Oder handelt es sich nur um einen einzigen?

Fragen über Fragen. Nicht jedoch für Robert Gerloff. Der 1982 geborene Regisseur hat auf alle die Antwort gefunden. Sie muss ihm wohl beim Lesen von Kleists Schrift "Über das Marionettentheater" in den Sinn gekommen sein: Am Ende seiner Inszenierung schickt ein Vater seine Tochter ins Bett, die ganz versunken hinter einer Puppenbühne hockt und sich mit ihren Figuren beschäftigt. Will heißen: Der Zuschauer im E.T.A. Hoffmann Theater hat mehr als zwei Stunden lang einem Kind beim Puppenspiel zugeschaut. Das Beste an dieser billigen Schlusspointe ist noch die Verballhornung von Kleists berühmter "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs"-Sentenz. Sie lautet: "Ins Bett mit allen Feinden Brandenburgs!"

Die Auflösung ist auch deshalb unbefriedigend, weil das Mädchen dafür nicht nur enorm fantasiebegabt sein muss. Sondern auch sehr klug und belesen. Die Einbildungskraft gesteht man ihr zu, ihr profundes Wissen über die deutsche Geschichte mit Exkursen zu Günter Grass und Helmut Schmidt ist aber blanker Unfug. Warum? Weil Gerloff die in preußischen Fantasieuniformen gekleideten Schauspieler vor einer Kulisse aufmarschieren lässt, die man wohl als Assoziationsraum zu begreifen hat: Man blickt in eine 68er-Studentenbude. Überall flacken Matratzen herum, links flowerpowert einem Janis Joplin von der Wand entgegen, ansonsten hängen Plakate von dem Film "Rote Sonne" herum, Rudolf Thomes Porträt einer männermordenden Frauen-WG mit der schönen Uschi Obermaier als Oberrevoluzzerin Peggy.

Auch wenn man sich erst einmal fragt, wo nun die Anknüpfungspunkte zu Kleist liegen, ist die Stoßrichtung schnell klar: Robert Gerloff deutet eine Linie an, die von der Schlacht bei Fehrbellin 1675 über die Nazi-Diktatur bis zur Studentenbewegung führt. Zwischenzeitlich flimmern im Hintergrund Bilder vom zerbombten Berlin, und das heißt hier nichts anderes, als dass Gerloff den Obrigkeitsgeist preußischer Prägung, wie ihn Kleist in seinem somnambulen Stück verhandelt, mit dem "Dritten Reich" kurzschließt. Damit bringt er nichts anderes als die alte und keineswegs unumstrittene These vom "Deutschen Sonderweg" auf die Bühne.

Erst die Studentenbewegung befreit von Pflicht, Muff und Gehorsam, aus dem Feldlager wird das Matratzenlager. Was den Prinzen mit Uschi Obermaiers Peggy noch verbindet, außer dass sich beide über das Gesetz hinwegsetzen, bleibt Gerloffs Geheimnis. Gut, er hat die Prinzenrolle mit dem rothaarigen Wirbelwind Katharina Rehn besetzt und so auch noch die Geschlechterfrage in die Inszenierung eingeflochten. Aber sonst? Ansonsten wird auf Teufel komm raus gekalauert. Dabei wirkt das Ensemble, das zuletzt sehr federleicht agierte, recht steif und verkrampft. Ganz so, als wüsste niemand so recht, was der Regisseur eigentlich will. Einmal greift Volker Ringe, der den Kurfürsten als Miesepeter spielt, zur Gitarre und singt "Kapitulation" von Tocotronic.