Schauspiel:Im Okzident

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Schauspiel: Orchesterprobe mit vielen Worten: Schauspieler Sebastian Witt.

Orchesterprobe mit vielen Worten: Schauspieler Sebastian Witt.

(Foto: Jochen Klenk)

"Die Georgier" - das Theater Ingolstadt feiert das ortsfeste Gastorchester der Stadt

Von Egbert Tholl, Ingolstadt

"Wenn Musik, weniger Krieg." Die, die das sagen, müssen es wissen: Sie kamen aus einem Land, in welchem, kaum waren sie weg, der Krieg ausbrach. Und so blieben sie, wo sie gerade waren. Seit inzwischen 26 Jahren. Und die Stadt, die sie aufgenommen hat, hatte auf einmal ein Spitzenorchester.

Im Sommer 1990 kam das Georgische Kammerorchester nach Ingolstadt und blieb. Der wunderbare Grund hierfür hat einen Namen, Karl-Heinz Rumpf, jener Audi-PR-Manager, der es auch geschafft hatte, Carlos Kleiber für die Sommerkonzerte des Autobauers zu gewinnen, als der eigentlich schon längst keine Lust mehr hatte zu dirigieren. Rumpf, der so tragisch mit seiner Familie beim Tsunami ums Leben kam, machte einen längeren, vorübergehend gedachten Aufenthalt der Musiker möglich. Diese waren in Zeiten des Kommunismus' geehrt worden für die beste Aufnahme aus der Sowjetunion, nun suchten sie unter ihrer brillanten Leiterin Liana Isakadze eine Möglichkeit, als Orchester den Zerfall der Sowjetunion zu überleben.

Möglich war dies nur im Ausland, und so strandeten die georgischen Musiker in Ingolstadt, wo sie bereits in den Achtziger Jahren zu Gast gewesen waren. Das Georgische Kammerorchester war schon immer viel gereist; 1969, fünf Jahre nach seiner Gründung, besuchte es bereits die DDR. Drei der Musiker, die damals schon dabei waren, stehen nun auf der Bühne.

"Die Georgier" ist ein wunderbares Stück, das die Dokumentar-Theatertruppe Werkgruppe 2 mit den Musikern und für die Musiker entworfen hat. Julia Roesler und ihre Mittheatermenschen haben viele Interviews geführt mit den georgischen Musikern, über das Leben in der Sowjetzeit, über Georgien, über Musik, Ingolstadt, Ankommen, Fliehen, Fremdsein, Heimat. Unverbrüchlich geben sie die Funde aus den Gesprächen fünf Schauspielern in den Mund, die mit reizender menschlicher Schläue und lustiger Sprache zu den Georgiern werden, die damals ankamen. Daneben spielen fünf der Orchestermusiker Stücke aus ihrer Heimat, aber auch Mozart, Vivaldi, Gluck, während sie alle zusammen eine Art Probe simulieren, oder zumindest den Aufbau proben.

Der Festsaal des Theaters Ingolstadt schaut ja inzwischen durchaus so aus, als könnte er selbst in Georgien liegen, dazu hat Charlotte Pistorius eine uralte Seilbahngondel hineingestellt, aus der die Darsteller und die Musiker hervor kommen, sich wundernd, wo sie angekommen sind. Das Tolle an dem Stück ist, dass es die spezifisch märchenhafte Geschichte des Orchesters erzählt, aber auch viel über das Europa der letzten 25 Jahre. Dabei mag es eine Gratwanderung sein, die drei Schauspieler und die zwei Schauspielerinnen so sprechen zu lassen, wie es Menschen halt tun, die von weit her kommen. Aber es geht auf, es ist sicherlich auch sehr lustig, Lebensweisheit aus dem Osten, fröhlich und kugelaugenrund, und so menschlich schön. Und auch dies ist die Aufführung: ein prima Konzert.

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