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Schauspiel:Emotion statt Revolution

Düstere Bilder vor rohen Wänden: Felix Hafners "Die Dämonen" nach einem Roman von Fjodor Dostojewskij am Volkstheater.

(Foto: Gabriela Neeb)

Felix Hafner inszeniert am Münchner Volkstheater Dostojewskijs Roman "Die Dämonen" mit viel Verve, viel Aufwand und der Hinterlassenschaft eines einigermaßen großen Rätsels

Von Egbert Tholl

Ach, eigentlich wäre es doch schön gewesen, wenn Warwara Petrowna Stawrogina mit dabei gewesen wäre. Denn was dieser Roman auch auf brillante Art ist, ist das außerordentlich ungerührte und deshalb wahnsinnig komische Sichlustigmachen darüber, wie man sich in Gesellschaft und in den Salons zu benehmen hat. Dafür braucht es aber eine Grande Dame des Salons, und die hat der Regisseur Felix Hafner gestrichen. Was nicht heißt, dass hier nicht viel geredet wird. Dostojewskijs Roman "Die Dämonen" - hier gespielt nach der Übersetzung von Swetlana Geier, die "Böse Geister" heißt, dennoch heißt die Aufführung "Die Dämonen" - hat knapp 1000 Seiten, ist knapp 150 Jahre alt und in seiner zersplitternden Gedankenwelt so modern und komplex, das sein wackliges Handlungsgerüst es kaum aushält, alle Ideen daran aufzuhängen.

In der Inszenierung von Felix Hafner am Münchner Volkstheater bricht dieses Gerüst dann auch vollends zusammen, was aber weiter kein Problem ist. Denn so viel kriegt man gerade noch mit: Eine Gruppe von fünf Revolutionären bringt einen der ihren um, um den Rest stärker zusammenzuschweißen; die meisten bewegen sich in einem Zustand der - mehr oder weniger - Verehrung eines messianisch oder zumindest genialisch auftretenden Herrn Stawrogin, der gleichwohl sehr viel Unsinn und Schlimmeres macht: Im ruhigsten und deshalb beeindruckendsten Moment seiner Rolle beichtet Silas Breiding vom bizarren Verhältnis seines Stawrogins zu einem jungen Mädchen, das sich in der Folge umbrachte.

Es gibt noch mehr Morde und Tote, was im Roman eine kriminaleske Spur auslegt, die die Aufführung überhaupt nicht verfolgt. Muss sie auch nicht. Hafner inszeniert den Roman als Kollision von Ideen. Und die gehen im Raum spazieren. Der ist ziemlich leer, links drei große Windmaschinen, rechts drei, an der Rampe fünf kleinere (Laurent Chétouane hat mal was ähnliches an den Kammerspielen gemacht), in der Mitte große, tolle schwarze Fahnen, die herumgetragen und umgestellt werden. Dazu das wie so oft dramatische Licht von Günther E. Weiss und die sehr aufwendig produzierte Musik von Clemens Wenger, selbst komponierte Revolutions-, Mozart- und Tschaikowski-Ballettmusik-Derivate und einiges an Effektvollem mehr. In dieses Wind- und Klanggetose werfen die neun Darsteller mit Verve ihre Worte. Dazu sind sie mit Mikroports ausgerüstet, und das ist ein Problem.

Die Worte, an sich oft sehr schön gesprochen, tragen alle ein Ausrufezeichen, über die Lautsprecher werden sie zu einem tönenden Diskursraum, in dem man kaum noch einer Figur eine Meinung zuordnen kann. Hier wird nicht argumentiert, hier werden nur noch Ideen abgesondert. Das Anliegen der Revolutionäre verkommt zu einem Aroma hysterischer Dringlichkeit, einzig beim alten Werchowenskij (Jörg Lichtenstein) kann man sagen, was der als Individuum will: keine Revolution, sondern die Feier der Schönheit.

Handeln oder Nichthandeln, Moral, Mord, Glaube und Gott sind bei Hafner nur noch sophistische Optionen, um deren Erfüllung sich die Darsteller mühen. Manche mit Können und menschlicher Klugheit wie Mara Widmann oder für einen langen und echten Moment Carolin Knab. Andere sind führungslos verloren und behelfen sich mit frei vagierender Emotion. Da hat Felix Hafner noch viel Spielraum zur eigenen Weiterbildung. Was er aber auch hat, ist der Mut und die Bildfantasie, so einen Stoff überhaupt auf die Bühne zu wuchten. Weshalb er dies inhaltlich tut, bleibt aber letztlich ein Rätsel. Seine Inszenierung tönt weit entrückt vom Scheitern einer vage formulierten Revolution. Der Regisseur ist Jahrgang 1992.

© SZ vom 27.10.2018

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