Fußballtheater in Bochum:Auswärtsspiel

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Fußballtheater in Bochum: In Sportkleidungsversatzstücken: Die drei Schauspieler Konstantin Bühler, Karin Moog, Anne Rietmeijer (von links).

In Sportkleidungsversatzstücken: Die drei Schauspieler Konstantin Bühler, Karin Moog, Anne Rietmeijer (von links).

(Foto: China Hopson)

Malte Jelden inszeniert den Fußballroman "Nicht wie ihr" für das Schauspielhaus Bochum als heiteres Stationendrama im Vereinsheim der SG Wattenscheid 09.

Von Alexander Menden

Ivo Trifunović will Schluss machen. Dreimal hat er sich mit Mirna zum Sex getroffen. Aber die Fernaffäre per Textnachrichten und langen Sendepausen war irgendwie nicht das, was er erwartet hatte. Was genau er erwartet hatte, weiß er wohl selbst nicht. Jedenfalls plant er, Schluss zu machen "wie Panenka beim Elfmeter". Beim Panenka chippt man den Ball ganz ruhig halbhoch in die Mitte: "Mirna wird im Tor stehen, ohne es zu wissen, und das Wort wird der Ball sein und es wird von Ivo an ihr vorbei in die Maschen segeln, so leicht, dass sie es nicht mehr erwischt".

Ivo denkt hauptsächlich in Fußballvergleichen, fast ausschließlich eigentlich. Der Protagonist von Tonio Schachingers 2019 erschienenem Debütroman "Nicht wie ihr" ist Profifußballer, österreichischer Nationalspieler, war mal bei Real Madrid im Kader, spielt jetzt bei Everton. Er fährt Bugatti, hat einen Vertrag bis 2023, und verdient jede Woche 100 000 Euro; wenn er vorzeitig um zwei Jahre verlängert, sind es 120 000. Ivo müsste eigentlich unsympathisch sein, und trotzdem hätte man einen Spieler wie ihn ganz gern in seiner Mannschaft.

Der Theaterregisseur Malte Jelden hat Ivos Geschichte für das Schauspielhaus Bochum in eine Art statisches, narratives Stationendrama verwandelt, eingeteilt nach Spielminuten, verteilt auf drei Erzähler aus dem Ensemble, Anne Rietmeijer, Karin Moog und Konstantin Bühler. In aus Sportkleidungsversatzstücken zusammengesetzten Kostümen berichten sie mit dramatischem Minimalaufwand von den Irrungen und Wirrungen eines durchkommerzialisierten Fußballerlebens: Weihnachten mit der bosnischen Oma, ein eingeklemmter Nerv, der ihn nicht etwa auf dem Spielfeld, sondern zu Hause niederwirft, und eben diese Affäre mit Mirna.

Draußen spielt die B-Jugend, drinnen gibt es Frikadellen

Es ist sozusagen ein Auswärtsspiel für das Team vom Schauspiel. Denn obwohl sie in Bochum geblieben sind, findet die Aufführung nicht im Theater statt, sondern im Veranstaltungsraum des Vereinsheims der SG Wattenscheid 09. Draußen spielt die B-Jugend gegen den VfB Waltrop um den Aufstieg in die Westfalenliga. Die Vereinskneipe heißt "Wohnzimmer", nach dem Spitznamen des unweit gelegenen Lohrheidestadions; die sehr ordentlichen Frikadellen kosten faire zwei Euro, an der Wand hängen Mannschaftsfotos aus den 1990ern.

Das war die glorreiche Dekade der SG: Zwischen 1990 und 1994 spielte der Verein vier Saisons lang in der ersten Bundesliga und schlug sogar den FC Bayern. 2019 war die SG dann aber pleite und wäre fast aus dem Vereinsregister geflogen. Mittlerweile kickt man in der fünften Liga. Das ist einerseits Äonen von der Welt entfernt, in der Ivo spielt. Andererseits werden gerade durch die Unterschiede in der Finanzausstattung die grundlegenden Gemeinsamkeiten aller Spielklassen besonders deutlich: "Jedes Kind, jeder Fan liebt den Fußball mehr als die Spieler, weil sie nicht wissen, wie dreckig es wirklich zugeht, wie dumm alles ist, wie viel Arbeit hinter allem steckt." Das gilt für Wattenscheid wohl genauso wie für Real.

Der Abend schnurrt packender dahin als so manche Champions-League-Partie

Rietmeijer, Moog und Bühler erzählen abwechselnd davon, was Ivo die ganze Woche so macht - außer trainieren und virtuell fremdgehen ist das vor allem: Fußball gucken - und agieren auf der kleinen Bühne, die mit drei veloursbezogenen Riesenwürfeln zum Sitzen ausgestattet ist, nur in den seltensten Fällen aus, wovon sie berichten. Die musikalische Einlage, bei der Anne Rietmeijer sechs Songs aus einem Mixtape singt, das Mirna Ivo geschickt hat, wirkt ein bisschen wie Füllmaterial. Und ein alter Schalke-Witz (das Schalke-Stadion soll jetzt nach einer Frau benannt werden: "Dem Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion") zündet nicht so recht. Doch insgesamt schnurrt der Abend gefühlt zügiger und packender dahin als so manche Champions-League-Partie.

Das mit dem Panenka-Schlussmachen funktioniert für Ivo nicht so recht, er bleibt vom Punkt aus nicht cool genug. Und nach seinem Vereinswechsel zum AS sieht er am Ende rot. Aber er wird wieder auflaufen. Und irgendwann wird er auch wieder einen Heimsieg einfahren. Genau wie die B-Junioren der SG Wattenscheid 09 draußen. Nach einem ungefährdeten 1:0 ist ihnen der Aufstieg nicht mehr zu nehmen.

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