Schauplatz Zürich:"Sorry! Sind Sie Teil der Performance?"

Zürich wird in der Ausstellung "Action" zum Mitmachen aufgefordert. Man sei das "Kunstwerk", heißt es dort.

Von Charlotte Theile

Im Eingang steht ein Fahrrad, wie man es sich als Kind gewünscht hat. Es hat Fahnen und Lautsprecher, es macht auch Geräusche. Daneben ein Zettel, der zur Benutzung aufruft. Mit dem " Protest Bike " durch Zürich fahren und dabei Beschwerden proklamieren, das klingt fantastisch, es fiele einem so einiges ein. "Beschwerde - Beschwerde - Beschwerde" wirbt die Ausstellungszeitung in rotierender Fidget-Spinner-Schrift, das ist sehr inspirierend. Die Ausstellung "Action!", die seit der vergangenen Woche im Zürcher Kunsthaus läuft, ist es dann leider nicht.

Bevor es richtig los geht, stehen Sandalen aus Holz bereit, wenn man sie gegen seine Straßenschuhe eintauscht, sei das, als würde man die Ausstellung "in den Schuhen von jemand anderem" erleben, sagt die Kuratorin, ein eindrücklicher Perspektivwechsel. Die Schuhe klappern ein bisschen, die Perspektive ändert sich nicht. Dann Yoko Onos Stempel-Aktion: Karten, auf die man "Imagine Peace" drucken kann, das bekannte Plakat "War is over". Irgendjemand murmelt etwas von Dingen, die "zu ihrer Zeit ihre Berechtigung gehabt" hätten. Jetzt aber seien die Zeiten andere, auch nicht friedlichere. Doch die Vorstellung, Frieden nach Mossul zu stempeln, erscheint irgendwie bizarr.

Man darf, kann, soll, mit den Autoreifen wirklich machen, was man möchte. Dann torkelt einer

Auf einer hölzernen Bühne soll ein Stück geprobt und aufgeführt werden. Worum es geht? "Retro-Liberalismus", der Geist von Adam Smith soll zum Leben erweckt werden, der Glanz des schal gewordenen Allerweltswortes Liberalismus neu entdeckt werden. Jetzt aber werden die Vertreter der Presse auf der Bühne zum Foto aufgereiht, auch das sei Performance, heißt es. Kurz darauf singt eine Opernsängerin böse Online-Kommentare, ein dramatischer Shitstorm auf Lance Armstrong, der sich nach wenigen Minuten zu wiederholen scheint. Auch sonst wirkt "Action!" immer mal wieder, als sei ein Twitterfeed vor einem ausgekotzt worden. Im Dunkeln tanzen und singen schwarz gekleidete Menschen mit Leuchtpunkten auf Kleidung und Gesicht die aktuellen Entwicklungen. Immer wieder geht es um Donald Trump, was zuverlässig misslingt. Irgendwann rezitieren zwei Performer gleichzeitig Melania Trumps und Michelle Obamas Wahlkampfreden. Ein anderer Raum, endlich. Spiegel, Ballettstangen, dazu ein Regal voller Autoreifen. Man darf, soll, damit machen, was man möchte, ein Reifen torkelt schüchtern durch den Raum, schon tippt einem jemand auf die Schulter: "Entschuldigung. Sind Sie Teil der Performance?" Klar. "Du bist das Kunstwerk - Kunstwerk - Kunstwerk" ruft die Ausstellungszeitung, daneben fragt jemand, ob man bereits spüre, wie man sich von außen beobachte und sich dieses "leise schizophrene Gefühl" einstelle.

Eines der Highlights von "Action!" ist die Geheimdienstperformance von Rimini Protokoll, am Eröffnungstag sind nur sechs Personen zugelassen, der Andrang auf die Welt der Spione ist beträchtlich. "Top Secret" war bereits in München zu erleben, gastiert nun bis Ende Juli auch in Zürich. Am 30. Juli endet "Action!" nach nur fünf Wochen. Auch so lässt sich Unmittelbarkeit herstellen.

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