Schauplatz Singapur Krabbe oder Käfer

Das "Singapore Writers Festival" präsentiert dieses Jahr deutschsprachige Autoren. Also ist auch Franz Kafka mit dabei, mit einer seiner berühmtesten Erzählungen, die jetzt digital verfremdet allerdings "VRWandlung" heißt.

Von Arne Perras

Die Ecke des Raums ist durch schwarze Vorhänge abgetrennt. Eine würfelförmige Kammer, leer und finster. Hier wird gleich Franz Kafka gegeben, oder das, was die Installation "VRwandlung" aus der berühmten Erzählung von 1912 gemacht hat. Die Leute stehen Schlange im Arts House, jeden Herbst lädt das "Singapore Writers Festival" zu Workshops und Lesungen.

Dieses Mal liegt der Schwerpunkt auf deutschen Autoren. So passen auch Kafka und Gregor Samsa, der sich als "ungeheures Ungeziefer" wiederfindet, ins Programm. Jeder soll im Arts House in die Hülle des Ungeziefers schlüpfen. Wer durch den Vorhang tritt, bekommt Pantoffeln mit Sensoren über die Füße gestülpt, weiße Handschuhe an beide Arme und eine schwarze Maske. Kafka als digitales Experiment, kreiert von einem jungen Start-up-Team um Regisseur Mika Johnson und Produzent Shahid Gulamali.

Wer die Arme hebt und sich selbst über die Schulter blickt, sieht haarige, gepanzerte Gliedmaßen, Insektenbeine rudern durch den Raum. Ist man eine Krabbe, ein Käfer, eine Kakerlake? Vielleicht nicht das Schlechteste, um einen Atomkrieg, eine Naturkatastrophe zu überstehen. Man erinnert sich, dass draußen, ein paar Räume weiter, gleich ein US-Autor über Trump und den Klimawandel reden wird. "Das Wasser wird kommen", steht als Titel im Programm.

Blümchentapete, Sekretär, Metallbett. Große Liebe zum Detail, die Installation versucht, dicht dran zu bleiben an Kafkas Erzählung. Die Weckuhr, der Koffer. Nur der Spiegel weicht ab vom Original. Die Gliedmaßen, die von Anfang an in den Blick geraten, lassen ja schon manches ahnen. Aber das Spiegelbild ist noch mal anders. Es lässt einen kurz zucken, selbst wenn man das gar nicht will.

Von draußen Stimmen: "Gregor, Gregor". Ein Klopfen an der Tür. "Es ist dreiviertelsieben. Wolltest Du nicht wegfahren?" Im Buch erwacht Gregor im Bett, die Installation lässt einen durch das Zimmer spazieren. Was das mit einem macht? Vielleicht wäre es nicht schlecht, mal wieder Kafka zu lesen, sofern der Atomkrieg noch auf sich warten lässt und die Bücher noch nicht vom steigenden Meeresspiegel weggeschwemmt sind. "Gregor, Gregor, mach die Tür auf." Plötzlich erscheint ein Schlüssel. Man greift ihn mit der haarigen Zange, rein ins Schloss. Ein weißer Blitz vor Augen, das Zimmer ist fort. Ende der Verwandlung.