Schauplatz Seoul Das Haus eines Helden

Wer durch Sajik flaniert, einen der wenigen idyllischen Stadtteile von Seoul, wird auf ein Hexenhäuschen stoßen. Es ist von Efeu überwuchert, heißt "Dilkusha" - und steckt voller Geschichte. Es wird eine nationale Gedenkstätte.

Von Christoph Neidhart

In Sajik, einem der wenigen Stadtteile von Seoul, die ihre Kleinteiligkeit erhalten haben, steht am Hang des Ilwang-Berges ein efeuüberwuchertes Backsteinhäuschen mit steilem Giebeldach, das zudem unterkellert ist. Unkoreanischer geht es kaum. Erbaut wurde das Hexenhäuschen von deutschen Missionaren im Jahre 1930. Einige Schritte weiter oben stößt der Stadtgänger auf eine verfallende Backstein-Villa im englischen Landhausstil. Am alten Eingang steht "Dilkusha" in lateinischen Lettern, aber die Tür ist verbaut. Man gelangt nur über die Veranda ins Haus, das der Goldbergbau-Ingenieur und Teilzeitjournalist Albert Wilder Taylor 1923 errichtete.

"Dilkusha", nach dem Palast im indischen Lucknow, nannte der Amerikaner die Villa auf Wunsch seiner Frau Mary, einer britischen Schauspielerin. Im Haus leben seit Jahrzehnten Besetzer, heißt es. Mit deutschen Hausbesetzern hat die ältere Dame, die hier wohnt, freilich nichts gemein. Wie alle anderen Parteien in der Villa kaufte sie ihre Räume ihren Vorgängern ab. Doch diese waren nicht die Besitzer. Deshalb muss sie hinaus. Seoul will das Haus bis 2019 zur nationalen Gedenkstätte machen.

Am 1. März 1919, als die Koreaner gegen ihre Kolonialherren rebellierten, lag Mary im Wochenbett. Im Krankenhaus, versteckt unter der Matratze seines Babys, entdeckte er eine Kopie der koreanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Rebellen hatten sie im Krankenhaus heimlich gedruckt. Ihr Aufstand scheiterte. Aber Taylor gelang es, die Proklamation aus dem Land zu schmuggeln und der Welt bekannt zu machen. Dafür machten die Koreaner den Amerikaner, den die Japaner 23 Jahre später des Landes verwiesen, posthum zu ihrem Helden.