Schauplatz Reschensee:Und dann öffneten sie die Schleusen

Südtirol zwischen zwei Diktaturen, ein Dorf versinkt im Stausee, eine Frau verliert ihr Kind: Marco Balzano verwebt in "Ich bleibe hier" kunstvoll kollektive und individuelle Geschichten.

Von Christian Mayer

Für Touristen zählt der alte Kirchturm der Pfarrkirche St. Katharina mitten im Reschensee zu den beliebtesten Fotomotiven Südtirols. Im Hintergrund leuchten die Berge im Abendsonnenschein, die Szenerie hat etwas Märchenhaft-Verträumtes, allerdings nur auf den ersten Blick. Diese Kirchturmspitze steht auch für eine ganz andere Geschichte aus dem Vinschgau, dem obersten Teil des Etschtals. Eine Geschichte von Leid und Vertreibung, von Ohnmacht und Täuschung, denn der Stausee wurde vor ziemlich genau siebzig Jahren mit menschenverachtender Brutalität in die Landschaft gestampft.

Seit Beginn der Zwanzigerjahre verfolgte die italienische Regierung den Plan, die beiden Naturseen von Graun und Reschen zu einem sechs Kilometer langen Stausee zu verbinden. Die Bauern in den anliegenden Bergdörfern, die bis zur Abtretung Südtirols an Italien noch stolze Österreicher gewesen waren, nahmen die Gefahr wegen der vielen Verzögerungen lange Zeit nicht ernst; sie verstanden meist gar nicht, was da mit den Baggern auf sie zurollte. Während des Krieges kamen die Arbeiten am Stausee zwar zum Erliegen, doch danach ging es unerbittlich weiter. Tausende Arbeiter aus Süditalien schufteten im Auftrag des Chemieunternehmens Montecatini für den Damm und machten die Dörfer dem Erdboden gleich. Und dann öffneten sie die Schleusen: Wo einst 163 Häuser gestanden hatten, stieg nun das Wasser 22 Meter hoch, weit höher, als die Projektmanager ursprünglich angekündigt hatten.

Altgraun, Heute Reschensee

Das Dorf Altgraun in Südtirol, bevor es abgetragen wurde und 1950 im aufgestauten Reschensee verschwand. Seitdem ragt, wie auf dem Cover des Romans von Marco Balzano zu sehen, die Kirchturmspitze über die Wasseroberfläche – ein Wahrzeichen.

(Foto: Ferienregion Reschenpass/Picasa)

Der italienische Schriftsteller Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, hat aus diesem Stoff nun einen Roman gemacht. Mit leiser Melancholie blickt Trina, seine Erzählerin, auf ihr Leben zurück, das unbeschwert begann. Die Tochter eines Schreiners will unbedingt Lehrerin werden, gemeinsam mit ihren Freundinnen absolviert sie die Prüfungen an der Hochschule. Italienisch ist die Sprache, die Trina den Kindern beibringen soll, denn die Faschisten wollen aus Südtirol eine italienische Provinz machen. Beim Marsch auf Bozen Anfang Oktober 1922, wenige Wochen vor der Machtergreifung Mussolinis in Rom, haben sie gezeigt, dass sie keine Rücksicht auf die Kultur der Südtiroler nehmen; mit einer Politik der Einschüchterungen und der offenen Gewalt unterdrückt die Zentralmacht die Mehrheitsbevölkerung. Straßen und Plätze werden umbenannt, Schulen italienisiert. Doch die junge Lehrerin lässt sich nicht erschüttern, sie unterrichtet die Dorfkinder in Graun heimlich in ihrer Muttersprache, obwohl sie damit rechnen muss, von den Carabinieri verhaftet und auf eine der Strafinseln im Mittelmeer verbannt zu werden. Auch nach ihrer Hochzeit mit Erich, einem der Kleinbauern, lässt sie sich nicht davon abschrecken.

So ganz kann sich der Autor nicht entscheiden, was ihm wichtiger ist: die turbulente Geschichte Südtirols in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder die Geschichte einer jungen Frau, die lernen muss, mit immer neuen Verlusten zu leben. Vor allem mit dem Verlust der eigenen Tochter, die von kinderlosen Verwandten nach Deutschland entführt wird. Sie ist die große Leerstelle und zugleich der Fixpunkt dieses Romans, weil der Schmerz über die verlorene Heimat irgendwann abnimmt, aber die Erinnerung an das eigene Kind eine offene Wunde bleibt.

Die Geschichte Südtirols ist kurvenreich wie eine hochalpine Passstraße

Marco Balzano ist selbst Lehrer, er unterrichtet an einem Mailänder Gymnasium und kann wunderbar erzählen, was das Großartige an diesem Beruf ist, wenn man ihn denn ausüben darf. Genau das bleibt seiner Erzählerin verwehrt, sie wird zurückgeworfen auf das karge Leben im Dorf, wo mit dem großen Staudammprojekt neues Unheil droht. Nur dass die Menschen die Bedrohung nicht wahrhaben wollen, sie hoffen auf den lieben Gott oder auf den Papst, der alles schon richten wird. Allein Trina hat eine Vorahnung davon, was ihr bevorsteht; ihr Mann wandelt sich zu einem politischen Aktivisten, einem einsamen Kämpfer gegen den Damm und die menschliche Dummheit: "Wir müssen die Baustelle sabotieren, bevor sie uns ertränken", sagt Erich jedem, der es hören will.

Marco Balzano
Ich bleibe hier

Marco Balzano: Ich bleibe hier. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes, Zürich 2020. 285 Seiten, 22 Euro.

Es ist durchaus kunstvoll, wie Balzano das Zeitgeschehen mit dem Familiendrama verwebt, wie er in kurzen, einfachen Sätzen Stimmungen erzeugt. Aber die neuere Geschichte Südtirols besteht eben aus vielen harten Brocken, sie ist kurvenreich wie eine hochalpine Passstraße, auf der einem beim Blick in den Abgrund leicht mulmig werden kann.

So ging es auch vielen deutschsprachigen Südtirolern, als sie sich zwischen 1939 und 1943 zwischen zwei faschistischen Diktaturen entscheiden mussten: Die "Optanten" wanderten mehr oder weniger freiwillig ins Deutsche Reich aus, die "Dableiber" harrten unter immer widrigeren Umständen in ihrer Heimatregion aus, wo die Nationalsozialisten ab 1943 die Macht an sich rissen und die Männer für die Wehrmacht rekrutierten. Balzano unterliegt nicht der Versuchung, die Südtiroler zu idealisieren, indem er sie lediglich als Opfer der Verhältnisse darstellt, als reine Bauernopfer, die erst das Zwangsregime Mussolinis und dann die Nazis überleben mussten; es gab viele, die Hitler als ihren Retter sahen. Auch das erzählt der Roman.

Trina, die ein wenig zu sehr über allen Dingen schwebt, verzweifelt oft an der Engstirnigkeit ihrer Landsleute. Genauso wie sie an der Traurigkeit ihres Mannes verzweifelt, mit dem sie das stille Übereinkommen geschlossen hat, nicht mehr über ihre geliebte Tochter zu sprechen. Frei und leicht fühlt sie sich in den späteren Jahren nur einmal, als sie mit Erich vor den deutschen Häschern in die Berge flüchtet - das spannendste Kapitel des Buches.

Heute leben nur noch wenige Menschen, die das Staudammprojekt als Kinder miterlebt haben

Die Trauer bleibt eingekapselt, denn über manche Dinge wollen die Menschen in der Hochebene partout kein Wort verlieren. Hier erinnert das Buch doch sehr an Balzanos dritten Roman "Das Leben wartet nicht". Das 2017 auf Deutsch erschienene Vorgängerbuch erzählt die Geschichte des elfjährigen Ninetto aus dem bitterarmen Sizilien, der sich im Mailand der Sechzigerjahre alleine durchschlägt, als seine Mutter nach einem Schlaganfall ins Heim kommt. Die Leute nennen ihn "pelleossa" (Haut und Knochen), und er hat den gleichen unbedingten Überlebenswillen wie Trina in "Ich bleibe hier". Was Armut im Alltag bedeutet; wie es ist, wenn man vor lauter Hunger beinahe den Verstand verliert; wie man als Ausgestoßener im eigenen Land behandelt wird: All das erzählen beide Romane, die nicht nur in Italien zu Bestsellern geworden sind. Wobei "Das Leben wartet nicht" noch bewegender ist, weil Balzano näher an seiner Figur bleibt und mit großer Meisterschaft von einer Jugendliebe erzählt, unbeschwert von der Last der historischen Wirklichkeit.

Heute zählt Südtirol zu den reichsten Regionen Italiens, im Vinschgau ist der Wohlstand angekommen, der Tourismus boomt. Es leben nur noch wenige Menschen, die das Staudammprojekt als Kinder miterlebt haben. Sie wissen, was geschah, als die Dörfer im Reschensee verschwanden, und vielen fällt es bis heute schwer, über den Verlust zu reden. Marco Balzano verleiht ihnen mit seinem Roman eine Stimme. Allein das ist verdienstvoll.

© SZ vom 21.08.2020
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