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Schauplatz Paris:"Mein Kampf" spaltet Frankreich

Lasst die Finger davon! - Politiker und Historiker wehren sich gegen eine wissenschaftliche Ausgabe.

Von Joseph Hanimann

Unnötig in Frankreich, im Internet nach einer Geheimkopie von Hitlers "Mein Kampf" zu suchen. Der Pariser Kleinverlag Nouvelles Éditions Latines führt das Buch seit 1934 ganz legal im Katalog, für 36 Euro, und verkauft davon angeblich ein paar Hundert Exemplare pro Jahr, in einer von Hitler damals nicht beglaubigten Übersetzung. Das Projekt des Verlags Fayard fürs kommende Jahr, wenn die Autorenrechte für "Mein Kampf" verfallen, eine neue Ausgabe mit wissenschaftlichem Kommentar zu liefern, ähnlich wie es in Deutschland beim Institut für Zeitgeschichte in München geschieht, führt nun aber zur Kontroverse.

"Lasst die Finger davon!" - mahnte der Linkspolitiker Jean-Luc Mélanchon, selber ein Autor von Fayard, in einem offenen Brief an die Verlagsleitung: Dieses Buch sei für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich und der Aufstieg von Fremdenhass und Rechtspopulismus heute in allen Ecken Europas sei ein unpassender Zeitpunkt für so eine Publikation. Überdies habe ausgerechnet der Fayard-Verlag nach Hitlers Protest gegen die Ausgabe von 1934 vier Jahre später eine ihm genehme Übersetzung von "Mein Kampf" herausgebracht.

Die meisten Historiker sehen das anders. Rassenwahn und Völkermord des Dritten Reichs seien nicht auf dieses "langweilige Buch", sondern vielmehr auf ein improvisiertes politisches Programm aus Ideologie, Logistik, Wirtschafts- und Kriegskalkül zurückzuführen, schreibt zum Beispiel der Nationalsozialismus-Experte Christian Ingrao in der Zeitung Libération. Die Veröffentlichung von Hitlers mühsamem Opus werde dem Autor heute keine neuen Anhänger verschaffen, sondern die Faszination für den berühmten Psychopathen und Volksverführer eher kühlen. Andere wie der Sorbonne-Historiker Johann Chapoutot befürchten hingegen, die Publikation würde Hitler wieder zur absoluten Zentralfigur des Nationalsozialismus machen, die er aber nicht sei. Dennoch, ruft der Historiker Robert O. Paxton den Franzosen zu: Publiziert! Wir brauchen die Originaltexte.

Das ist jedoch nicht so einfach. Das vor Jahren beschlossene Projekt bei Fayard stockt, die Zusammensetzung des wissenschaftlichen Beirats ist immer noch nicht bekannt. Das Erscheinen könne sich ein oder zwei Jahre hinauszögern, heißt es nun. Und wer soll am Buch verdienen? - fragt eine Gruppe junger Historiker, die eine kritische Ausgabe kostenlos ins Internet stellen möchten. Niemand, antwortet Fayard, allfällige Gewinne würden an eine gemeinnützige Stiftung gehen.

© SZ vom 28.10.2015

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