Schauplatz Paris Bestseller-Maschine Instagram

Gerade hat auch die Buchmesse in Paris begonnen. Klagen, Sorgen auch hier. Aber plötzlich gibt es Erfolgsgeschichten.

Von Joseph Hanimann

Der Sprung in den Literaturfrühling war in den vergangenen Jahren stets ein Doppelsprung zwischen Paris und Leipzig auf der jeweiligen Buchmesse. Diesmal ist Paris aber in Vorsprung gegangen und hat schon eine Woche früher gejammert. Wieder ein Rückgang des Buchmarkts um über ein Prozent, klagten die Verleger am Wochenende auf dem Salon du Livre. Das sei nun schon seit zehn Jahren so. Gleichzeitig wollen aber immer mehr Leute leidenschaftliche Bücherleser sein. 88 Prozent der Franzosen bezeichnen sich einer Umfrage des Centre National du Livre (CNL) zufolge als regelmäßige Bücherleser. Mehr noch: Fast ebenso viele würden laut einer anderen Umfrage selber gern schreiben, am liebsten Romane oder persönliche Lebensgeschichten. Wie geht das zusammen? Ganz einfach so, dass im Zeitalter des demokratischen Dauerschreibens auf den sozialen Medien das Lesen zur bloßen Option geworden ist.

Am besten laufen nach Auskunft der Pariser Verleger Jugendliteratur, Comics, Fantasy-Romane und "Feel-Good"-Bücher. Laut Manuel Carcassonne, dem Leiter des Pariser Verlags Stock, wird der Graben zwischen den populären Titeln mit Großabsatz und den von Kritik und den Buchhändlern gehätschelten anspruchsvolleren Werken der mittleren Verkaufskategorie immer größer. "Zehntausend verkaufte Exemplare gelten heute schon fast als ein Bestseller", wundert sich der Agent Michel Houellebecqs, François Samuelson. Dabei ist Houellebecq gerade ein Sonderfall. Inhaltlich passt er nicht ins Genre der literarischen Massenkost, bei den Verkaufszahlen - 482 000 Exemplare wurden laut seinem Verleger Antoine Gallimard seit Januar vom Roman "Serotonin" abgesetzt - lässt er die Kollegen von der ernsten Sorte aber weit unter sich.

Eine Bloggerin postet etwas über ein 55 Jahre altes Buch - und es boomt.

Das Buch ist als Kulturobjekt generell weiterhin attraktiv, kommt aber nicht mehr ohne Begleitmusik in Form von Jubel oder Polemik aus. Im Angebot der neuen Titel habe außer Houellebecq seit September kein einziger für Trubel gesorgt, klagt die Verlagslektorin Juliette Joste.

Doch sind die Leserreaktionen unberechenbar. Da kommen einer Bloggerin beim Durchblättern des in der Buchhandlung zufällig aufgegriffenen Buchs "Die Wand" von der ihr völlig unbekannten Autorin Marlen Haushofer plötzlich die Tränen. Sie schreibt das auf Instagram - und die Absatzzahlen schnellen in die Höhe. Der Verlag Actes Sud musste in einer Notaktion den 1963 erschienenen Roman der Österreicherin nachdrucken. Es sei verrückt, manchmal gehe alle drei Sekunden ein Exemplar über den Tisch, erklärt eine Mitarbeiterin der Pariser Buchhandlung Ici.

Marlen Haushofers Geschichte von der jungen Frau, die bei einem Gang durchs Gebirge plötzlich hinter einer unsichtbaren Wand gefangen bleibt und fortan ohne Kontakt zur Außenwelt zusammen mit der Kuh Bella, mit ihrem Hund, der alten Katze und anderen Kreaturen ihr Leben führt, habe sie "tief berührt, bereichert und wie mit einem Brenneisen auf Lebzeiten geprägt", schrieb die Bloggerin und Comiczeichnerin Diglee in ihrem Post. Seither boomt der Roman in ganz Frankreich im Zeichen eines neuen Öko-Feminismus. Bis zur nächsten Leserlaune.