Schauplatz Nagasaka Japanische Landpartie

In der kargen Bauerngegend Nagasaka, in den Ausläufern des Yatsugatake-Gebirges, steht ein Pavillon. Der ist die Kopie eines Pariser Gebäudes und dient seit 1981 als Künstlerkolonie. Das reiche Tokio trifft sich aber lieber auf dem Golfplatz.

Von Christoph Neidhart

Nagasaka liegt auf den zerklüfteten Südausläufern des Yatsugatake-Gebirges, einer kargen Bauerngegend. Zu Beginn der Industrialisierung Japans wurden hier Seidenraupen gezüchtet. Nagasaka heißt der "lange Hang". Ausgerechnet hier steht auf einer prominenten Anhöhe ein dreistöckiger Rundbau aus Backstein: "La Ruche", gebaut 1900 von Gustave Eiffel für die Weltausstellung in Paris. Der Pavillon war als Provisorium gedacht, doch er wurde zur Künstlerkolonie. An der Passage de Dantzig im 15 Arrondissement in Paris ist er das bis heute. "La Ruche" von Nagasaka ist eine exakte Kopie, errichtet 1981: als Künstlerkolonie.

In Japans Boom-Jahren kauften reich gewordene Tokioter in dieser Gegend alte Häuser, um sie zu renovieren (oder neu zu bauen). Anderthalb Autostunden von Tokio, mit Blick auf den majestätischen Fuji, schufen sie hier ihre Wochenendidylle. Wohlhabende Aussteiger zogen her, eröffneten Pensionen, in denen sie Jazz-Konzerte veranstalteten, schufen Töpfer-Ateliers und Galerien. Am Waldrand steht zwischen Gemüsefeldern ein Afrika-Museum. Es konnte kaum exklusiv - und meist westlich - genug sein.

Im Garten des Kyoharu-Künstlerdorfs, dessen Mitte La Ruche bildet, steht eine alte Wendeltreppe aus dem Eiffelturm, die 1989 ersetzt werden musste. Die Eisenplastik des Franzosen César Baldacchini daneben soll Gustave Eiffel darstellen. Dazu gibt es fünf kleine Museen. Im "Museum des Lichts", einem Betonkubus mit Lichtspalten des Architekten Tadao Andō, sind Aktfotografien zu sehen, die in diesem Bau genau dort aufgenommen wurden, wo jetzt das jeweilige Bild hängt. Im Shirakaba-Museum dahinter stehen, in dieser tiefen japanischen Provinz, Skulpturen von Rodin, dazu Malereien von Georges Rouault, der als "größter religiöser Maler des 20. Jahrhunderts" vorgestellt wird. Die beiden gehörten zu den Interessen der "Shirakaba"-Gruppe, einer literarischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die westliche Ästhetik in die japanische Kultur einbrachte. Ihr wichtigster Vertreter war der Schriftsteller Naoya Shiga, den alle Japaner in der Schule gelesen haben - und nur dort. Die Museen sind an diesem Winter-Samstag kaum besucht, die transplantierte "La Ruche" ist morsch.

Die künstlerische Moderne ist nie in Nagasaka angekommen. Viele der Pensionen haben aufgegeben, eine Galerie steht zum Verkauf. Das reiche Tokio trifft sich jetzt eher auf dem Golfplatz weiter oben.