Schauplatz Moskau:Wanderkunst in Polizeigewahrsam

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Eine Künstlergruppe, die ihre Werke ohne Genehmigung durch die Stadt getragen hat, ist vom Basmanny-Bezirksgerichts verurteilt worden. Denn ihre Aktion wurde als unangemeldete Demonstration gewertet.

Von Julian Hans

Pleinair an einem kalten Märzmorgen vor dem Gebäude des Basmanny-Bezirksgerichts im Zentrum Moskaus. Die Freilichtmaler haben Hocker mitgebracht, Zeichenblöcke auf den Knien, eine junge Frau hat eine Staffelei aufgebaut. Auf ihren Bildern: das zweistöckige Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, die vergitterten Gefangenentransporter, breitbeinig schlendernde Polizisten mit Schlagstock.

"Ich zeichne den Körper der russischen Gerichtsbarkeit", erklärt eine farbig geschminkte Frau, die sich als Leo Rain vorstellt. In ihrem Block ist die Eingangstür zu sehen, unter einem Vordach das Schild "Basmanny-Bezirksgericht Moskau". Drinnen sollen 13 Künstler wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu Geldstrafen verurteilt werden. Sie hätten eine nicht angemeldete Demonstration abgehalten, lautet der Vorwurf. Nach dem 2012 verschärften Versammlungsrecht kann es als Demonstration gewertet werden, wenn mehr als drei Menschen zusammenstehen.

Einer derjenigen, die auf ihr Urteil warten, ist Nikita Rasskazov, ein 23-Jähriger mit Parka, Bart und Tonsur-Haarschnitt. Vor einigen Tagen hat er eine seiner Holzskulpturen durch die Straßen der Hauptstadt getragen, seine Freunde trugen Gemälde, Fotografien, Collagen. Eine wandernde Ausstellung im wörtlichen Sinne. "Peredwischniki" haben sie sich genannt, in Anspielung auf jene Wanderkünstler, die im 19. Jahrhundert durch das Zarenreich zogen, Alltagsszenen malten und ihre Bilder dem Volk zeigten, weil sie es leid waren, Stillleben und Adligen-Porträts nach italienischer Schule zu malen. An den Akademien wollte man damals nichts davon wissen, heute werden ihre Bilder als Beginn einer eigenen russischen Malerei in den staatlichen Museen verehrt.

Natürlich stünden sie nicht in der Tradition des 19. Jahrhunderts, sagt Rasskazov. "Aber wie die Peredwischniki finden auch wir keine Orte, die unsere Arbeiten ausstellen; deshalb bringen wir sie selbst unter die Leute." Zeitgenössische Kunst hat es schwer in Russland, erst recht, wenn sie sich nicht in den Dienst des allgegenwärtigen Patriotismus stellt.

"Nje Mir" - "Kein Frieden" war das Thema der Aktion. "Unsere Absicht war, durch die Straßen zu gehen und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen", sagt Rasskazov. "So etwas Grundlegendes, wie gegen Krieg zu sein, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Wir wollten wieder darauf aufmerksam machen."

Es dauerte nicht lange, bis die Polizei auftauchte, die Prozession erst fotografierte, dann einen Teil der Arbeiten beschlagnahmte und die Künstler auf die Wache fuhr. Von unterwegs posteten sie Fotos mit ihren Werken - es war die erste Ausstellung in einem Gefangenentransporter. Die Fortsetzung gibt es im Gericht: Eilig werden die Werke auf die Prozessakten kopiert und im Flur ausgestellt. "Sofort einpacken!", raunzt ein Gerichtsdiener. "Aber das sind die Akten zur Verhandlung", bekommt er zur Antwort. Plötzlich ist unklar, wo die Justiz aufhört und wo die Kunst anfängt. Die Urteile lauten jedenfalls auf 260 Euro Geldbuße.

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