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Schauplatz Madrid:"Amigos y amigas"

In Spanien gibt es Streit um eine geschlechtergerechte Neuformulierung der Verfassung. Die Vorschläge einer Kommission gehen Feministinnen und LGBT-Gruppen nicht weit genug, andere sehen jetzt schon eine Grenze erreicht.

Zum Jahreswechsel hat die Königliche Spanische Akademie in Madrid, die über die Korrektheit und Reinheit der Nationalsprache wacht, vierzehn Begriffe genannt, die am besten das gesellschaftliche Leben des vergangenen Jahres widerspiegeln. Darunter sind das Verb feminisieren und das Substantiv Verfassung. Nun hat eine Gruppe von Linguisten einen Bericht mit Empfehlungen für Textänderungen in der Verfassung vorgelegt, die den Erfordernissen der Geschlechtergerechtigkeit entsprechen sollen. Den Auftrag dafür hatte vor anderthalb Jahren die Regierung des Sozialisten Pedro Sánchez erteilt, der erstmals in der Geschichte des Landes mehr Frauen als Männer angehörten.

Doch die Vorschläge gehen Feministinnen nicht weit genug, und LGBT-Gruppen kritisieren sie scharf. So wurden zwar die Titel König und Prinz um Königin und Prinzessin ergänzt. Doch heißt es weiterhin nur "der Präsident der Regierung", so lautet der offizielle Titel des Premierministers. In der Tat hatte in Spanien noch nie eine Frau dieses Amt inne. Akademiepräsident Santiago Muñoz Machado erklärte zu den Protesten, dass die RAE grundsätzlich offen für eine "Verbesserung der Sprache in Politik und Verwaltung" sei, doch dürfe nicht ihre Funktionsfähigkeit aus den Augen verloren werden. Die Verfassung sei "grammatisch perfekt" und dies solle so bleiben. Andere Akademiemitglieder verwiesen darauf, dass Amtsbezeichnungen wie Minister, Bürgermeister, Parlamentarier, Wähler von ihrer semantischen Natur her traditionell beide Geschlechter umfassen, es sei nun einmal in fast allen europäischen Sprachen so, dass das grammatische und das biologische Geschlecht in diesen Fällen nicht deckungsgleich seien, sondern das Maskulinum als Gruppenbezeichnung auch Frauen einschließe.

Trans- und Intersexuelle würden durch die Endungen "-os" und "-as" ausgeschlossen, sagen Kritiker

Die Vizepremierministerin Carmen Calvo, die über das Projekt wacht, ließ durchblicken, dass sie mit dieser Auskunft nicht ganz zufrieden sei. Sie hoffe, die Endfassung des Katalogs mit den Empfehlungen werde nicht enttäuschend ausfallen. Allerdings ignorierte auch sie ebenso wie die Akademiemitglieder den Vorstoß von LGBT-Gruppen, eine neue grammatische Pluralendung für Gruppenbezeichnungen einzuführen: Man dürfe beispielsweise nicht mehr "Amigos y amigas" (Freundinnen und Freunde) sagen, wie es nun üblich geworden sei, sondern man solle die sprachliche Neuschöpfung "amigues" verwenden. Denn die Endungen -os und -as schlössen Trans- und Intersexuelle aus. Die Endung -es löse dieses Problem.

Unter den Kommentatoren in Madrid herrscht indes Einigkeit darüber, dass der LGBT-Vorschlag keine Chance auf Annahme im Parlament und erst recht nicht in der Königlichen Akademie haben werde, der Eingriff auch in die gesprochene Sprache sei zu groß. Zweifelhaft aber ist auch, ob Änderungen, die über den Vorschlag der Akademie hinausgehen, im Parlament eine Chance haben. Für eine Verfassungsänderung ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich - und die Linkskoalition des Pedro Sánchez verfügt nicht einmal über die einfache Mehrheit.

© SZ vom 22.01.2020
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