Schauplatz London Blut im Handy

Zwischen Enthauptungsvideos und Urlaubsselfies: Zoë Becks Thriller "Schwarzblende" greift die Ermordung eines britischen Soldaten durch Dschihadisten in London im Mai 2013 auf.

Von Julia Weigl

O ft sind es diese ersten Sätze, die einen großen Roman ausmachen. Franz Kafkas erster Satz in "Die Verwandlung" ist so ein Beispiel: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Der Grundtenor ist gesetzt, die Handlung schon mal zusammengefasst, der Leser völlig verwirrt. In kafkaesker Manier schockiert auch Zoë Beck mit den ersten paradoxen Zeilen ihres neuen Thrillers "Schwarzblende": "Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen." steht da ganz locker, fast protokollhaft, aufgeschrieben. Und diesen nüchternen Ton zieht die junge deutsche Autorin bis zum Ende durch. Vielleicht ist das der Grund, warum das Unmögliche bei ihr zu funktionieren scheint: einen aktuellen politischen Brandherd zu fiktionalisieren und in Worte zu fassen.

"Ein großer Kerl...wo lang?" -"Da lang."

(Foto: Hans Hillmann/Avant-Verlag)

Beck greift in "Schwarzblende" auf einen realen Fall zurück: Im Mai 2013 wurde der britische Soldat Lee Rigby auf einer Straße in London von zwei Männern erstochen. Das Video von diesem Attentat steht auch 2015 noch im Netz. Da reicht es, den Namen des Opfers zu googlen, und schon kann sich jeder die grausame Tat ansehen - wie auch das mit der Handykamera dokumentierte Bekenntnisvideo der Mörder.

Beck baut diese brutale Tat zu einem verzwickten Krimi aus, der im Grunde gar kein Krimi sein möchte. Denn bereits die ersten Seiten entlarven die Mörder, an ihnen besteht kein Zweifel. Vielmehr geht es auf den darauffolgenden Seiten darum, warum diese zwei Jungs in Bluejeans und T-Shirt taten, was sie taten, und wer oder was sie dazu gebracht hat.

Schwarzblende

Eine Leseprobe des Buches stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Dafür bringt Zoë Beck ihren Protagonisten Niall zum Einsatz: Er ist ein junger Kameramann, der sich mit Naturdokus über Wasser hält, aber eigentlich viel lieber Filme machen würde, die etwas verändern können und wirklich etwas zu sagen haben. Als er, während er sich gerade auf der Recherche zu seinem neuen Projekt befindet, Zeuge des Machetengemetzels wird, macht er das Video, das sein Leben verändern wird: Er filmt Farooq und Cemal dabei, wie sie den jungen Air Cadet Paul Ferguson erstechen und ihm den Kopf abhacken. Wie das tatsächliche Video vom Mord an Lee Rigby, findet auch das von Niall den Weg in die sozialen Netzwerke und macht ihn über Nacht zum Helden, der das Geständnis der dschihadistischen Nachwuchsterroristen mit dem Handy festhielt.

Zoë Beck: Schwarzblende. Heyne Verlag, München 2015. 416 Seiten, 9,99 Euro. E-Book 8,99 Euro.

(Foto: )

In Becks Roman geht es um Jungs mit Migrationshintergrund und einen mittelmäßigen Filmemacher, der mit dem, was ihm widerfahren ist, nicht ganz zurechtkommt. Doch das genrebedingte Schwarz-Weiß-Raster entwickelt sich schnell zu einem komplexen Gefüge, in dem Schuldzuschreibungen unmöglich zu sein scheinen, in dem sich die Guten von den Bösen nicht mehr unterscheiden lassen. Der Islamische Staat, der Dschihad, die Geheimdienste, die Medien. Ohne Ausschweifungen, ohne Beschönigungen erzählt Beck eine aufwühlende Geschichte, die auf den ersten Blick wie eine Verschwörungstheorie daherkommt, aber dann sich selbst wieder von innen heraus aushebelt. "Passen Sie auf sich auf. Das sind Verrückte", sagt der Mordermittler De Verell zu Niall. Worauf dieser nur zu reagieren weiß mit: "Meinen Sie die von der Presse oder die Dschihadisten". Alle kommen zusammen, Journalisten, die vor Nialls Wohnung lauern, um ein exklusives Interview zu ergattern, Anhänger des Islamischen Staates, die womöglich Niall entführen wollen. In "Schwarzblende" sind beide Gruppen Teil einer Gesellschaft zwischen Ohnmacht und Dauerangst, in der jeden Moment das nächste schockierende Ereignis warten mag. Aber der Roman kennt keine Panikmache. Stattdessen seziert die Bloggerin, E-Book-Verlegerin, Journalistin und Schriftstellerin Beck eine hypermediale Gesellschaft - irgendwo zwischen Enthauptungsvideos und Urlaubsselfies.

In ihrem letzten großen Essay "Das Leiden anderer betrachten" hat sich die amerikanische Publizistin Susan Sontag 2003 noch einmal mit der Macht der Bilder beschäftigt. Was lösen Kriegsfotografien in ihrem Betrachter aus, Abstumpfung und Ignoranz oder Empathie und Schock? In Zoë Becks Krimi unternimmt der renommierte Kriegsfotograf Leonard Huffman ein ähnliches Gedankenspiel: "Ich fotografiere das Schrecklichste, was sich Menschen antun. Ich fotografiere es, damit wir es nie vergessen."

Zoë Becks Romane sind in den vergangenen Jahren politischer geworden

Diese Reflexion geht auf, da Beck auf unterschiedliche Metaebenen ausweicht: Sie lässt einen fiktiven Fotografen und einen fiktiven Kameramann in einer fiktiven Geschichte über die Macht ihrer eigenen fiktiven Bilder diskutieren. So wird etwas verfremdet, was sich täglich in der Gesellschaft abspielt - und wirkt in der Fiktion schockierend zeitlos und real.

Zoë Becks Romane sind in den vergangenen Jahren politischer geworden. Während sich ihre frühen Bücher vor allem auf psychologische Kriminalintrigen konzentrierten, tauchte ihr vorletzter Thriller "Brixton Hill" (Heyne, 2013) bereits tief in die Londoner Gesellschaft ein: Immobilien, Gentrifizierung, die Macht der reichen Upperclass. Immer wieder verlegt die studierte Anglistin ihre Geschichten nach England. So schlittert Niall in der britischen Metropole immer tiefer hinein in einen düsteren Sumpf aus Intrigen und Vertuschungen. Die Polizei hilft ihm dabei kaum. Sie ist korrupt und gewalttätig. Wem kann man denn in dieser korrupten Welt überhaupt noch vertrauen? Zunächst nur der eigenen Kollegin: Beth, Nialls selbstbewusste Producerin hat bereits einiges in ihrem Leben durchgestanden - die israelische Armee zum Beispiel. Skeptisch und ein wenig pessimistisch ist sie dadurch geworden. Und vor allem hat sie eine Liebe zur heilen, sozialmedialen Tierwelt entwickelt, um wenigstens für einen kurzen Augenblick dem brutalen Alltag entfliehen zu können: "Noch nie im Leben hatte ich so sehr das Bedürfnis, mir stundenlang Videos von niedlichen, flauschigen Kätzchen im Netz anzusehen."