Schauplatz Kairo:Umkämpfter Raum

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Das Downtown Contemporary Arts Festival ist Ägyptens größtes internationales Festival für Gegenwartskunst. Bei einer Aktion sprayen Frauen Graffiti auf Wände in der Mohammed-Mahoud-Straße. Das gibt Ärger.

Von Paul-Anton Krüger

Einmal im Jahr übernehmen die Künstler die Regie in der trubeligen Innenstadt von Kairo. In seiner vierten Auflage läuft derzeit das Downtown Contemporary Arts Festival, Ägyptens größtes internationales und multidisziplinäres Festival für Gegenwartskunst. Es ist ein Versuch, dem vielerorts von einer merkwürdigen Mischung aus Billigläden und schleichendem Verfall geprägten Zentrum neues Leben einzuhauchen. Zwar werden dort gerade etliche Fassaden mit gelber Farbe aufgehübscht. Doch das DCAF bespielt urbane Flächen, von denen viele sonst ungenutzt bleiben.

Tanzperformances finden im leer stehenden Kaufhaus Sednaoui statt, einem 1913 erbauten architektonischen Juwel im Stil des Fin de Siècle, das womöglich bald wieder kommerziell genutzt werden soll. Arabische DJs spielen experimentelle elektronische Musik im Sherazade Night Club, der von Zeiten zeugt, als man sich in Ägyptens Hauptstadt noch bei üppigen Cabaret-Abenden amüsierte. Der Greek Campus, einst das Zuhause der American University und inzwischen Standort für junge Technologie-Start-ups, wird zum Schauplatz von Konzerten und Performances. Das alles erinnert an Berlin, Anfang der Neunziger.

Der öffentliche Raum ist heiß umkämpft in Ägypten seit der Revolution 2011, in Kairo noch mehr als in jeder anderen Stadt. Wem gehört er? Wer kontrolliert ihn? Wer bestimmt, was dort noch möglich ist? Das politische Klima ist zunehmend repressiv, die Sicherheitskräfte unterbinden jeden Protest im Keim. Menschenansammlungen sind ihnen per se suspekt, informelle Märkte haben sie aufgelöst, Straßenhändler verjagt. Manch einer sieht in den Renovierungsarbeiten in der Innenstadt schon einen Versuch, die Flächen im Stile der riesigen Shoppingmalls an den Rändern der Stadt für den ebenso unkritischen wie unpolitischen Konsum zu vereinnahmen. Der Immobilienentwickler Ismaelia wiederum ist eng mit dem DCAF verbunden; viele der Veranstaltungsorte gehören der Firma. Schon ist manchem Künstler das Festival zu kommerziell geworden.

Aufmerksamkeit hat in der Öffentlichkeit nun eine Kontroverse über ein Street-Art-Projekt erfahren, das Teil des DCAF-Programms ist. Unter Leitung einer schwedischen Journalistin, Mia Grondahl, sprayen Frauen Graffiti auf Wände in der Mohammed-Mahoud-Straße - zu Zeiten der Revolution und bis vergangenen Sommer noch Forum für politische Kunst. Einige der Graffiti-Künstler aus Revolutionszeiten, unter ihnen Ammar Abu Bakr, setzen sich öffentlich gegen "kommerzielle Graffiti" zur Wehr, die ihrer Ansicht nach den Respekt für den Ort vermissen lassen, an dem etliche Demonstranten ums Leben gekommen waren. Grondahl unterstellte ihnen, das Projekt oder gar Frauen als Graffiti-Künstler abzulehnen. Dem ganzen Streit mögen persönliche Animositäten zugrunde liegen. Aber er zeigt einmal mehr, wie sehr Kunst und die Auseinandersetzung über den öffentlichen Raum politisch aufgeladen sind.

© SZ vom 09.04.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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