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Schauplatz Kairo:Erinnerungen an Architektur

Zwei Architektinnen aus Deutschland erinnern an die Geschichten ausgewählter Häuser und ihrer Bewohner in Kairo. Auf Architekturspaziergängen kann man Einblicke erlangen.

Kairo macht es einem nicht immer leicht. Wenn man mit dem Taxi durch Downtown fährt oder gar zu Fuß läuft, was die meisten Ägypter tunlichst vermeiden, sieht man zwar neoklassische Gebäude und erkennt das an europäischen Vorbildern orientierte Raster der Straßen. Aber die architektonische Qualität der Gebäude bleibt oft verborgen - vernachlässigte Fassaden und der marode Zustand mancher Häuser lassen auch nicht allzu viel erwarten.

Zwei Architektinnen aus Deutschland, Vittoria Capresi und Barbara Pampe, wollen das ändern, wollen die Geschichten ausgewählter Häuser und ihrer Bewohner zugänglich machen. Auf Architekturspaziergängen durch die Innenstadt konnten Interessierte Einblicke erlangen, die auch künftigen Besuchern vergönnt sein sollen.

Grundlage für die Führungen ist das von ihnen herausgegebene Buch "Discovering Downtown - Architecture and Stories", erschienen bei Jovis in Berlin (272 Seiten, 32 Euro), das sie bei dieser Gelegenheit im Goethe-Institut vorgestellt haben. 48 Gebäude sind darin dokumentiert, arrangiert in fünf thematischen Rundgängen, die man bequem in zwei bis drei Stunden zu Fuß bewältigen kann. Der Band ist das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit der Architektinnen an der German University Cairo und einer Summer-School mit Studenten.

Buch und Rundgänge beginnen mit dem 1896 bis 1900 aus Stahlbeton erbauten Said-Halim-Palast des slowenisch-italienischen Architekten Antonio Lasciac, der heute verlassen vor sich hin verfällt, und reicht bis zum Soussa-Gebäude aus dem Jahr 1961 direkt am Tahrir-Platz. Detaillierte Einblicke in Pläne und Typologien der Apartmenthäuser zeichnen die architektonische Entwicklung der Innenstadt nach: Die frei stehenden Villen wurden abgelöst von dichterer Bebauung und einheitlichen Straßenfluchten. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren wuchsen Wohnblöcke zu Hochhäusern, wie etwa das 70 Meter und 18 Stockwerke hohe Immobilia-Gebäude mit seinen beiden symmetrischen Flügeln, 1940 wurde es fertiggestellt. Es bot seinen Bewohnern für die Zeit außergewöhnlichen Luxus: Zentralheizung und Garage, der Wagen ließ sich per Sprechanlage ordern. Briefe warf man in einen Schlitz auf der Etage.

Die Geschichten der Häuser sind verknüpft mit Erinnerungen ihrer Bewohner. Interviews, viele geführt von Studenten, machen nachvollziehbar, wie sich die Nutzung der Gebäude änderte, bedingt durch gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche, wie etwa den Putsch Gamal Abdel Nassers. Auf diesen folgte die Verstaatlichung vieler Gebäude - und das Ende der goldenen Ära.

© SZ vom 07.10.2015
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