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Schauplatz Berlin:Spandauer Straße, Nummer 68

An dieser Adresse, einst eine der besseren in der Stadt, ist endlich ein Denkmal für Moses Mendelssohn eingeweiht worden. Er, wie andere Denker auch, lebte hier zur Hochzeit der Berliner Aufklärung.

Hier scheint die Stadt nur Verkehr und Geräusch: Straßenbahnen, Vorüberhetzende, Autos, Touristenfallen, Baustellen ohne Zahl. Ansonsten befindet sich an dieser Stelle, Spandauer Straße/Ecke Karl-Liebknecht-Straße, eigentlich nichts. Stadtführer wissen, dass dies einmal eine gute Lage war, in der Nähe zu Schloss, Post, Markt. Heute erinnert nur die städtebaulich gedemütigte Marienkirche im Hintergrund an die jahrhundertelange Geschichte der märkischen Kleinstadt.

Den Nicht-Ort belebt seit dieser Woche ein Denkmal auf dem Boden: Granitplatten und eine Tafel. Deren Inschrift lautet: "In diesem Hause lebte und wirkte Unsterbliches. Moses Mendelssohn. Geb. in Dessau 1729. Gest. in Berlin 1786." Das Denkmal ist ein Schattenriss des Hauses, das an dieser Stelle einst stand, schmucklos und schmal. Spandauer Straße 68 - stadtgeschichtlich eine der vornehmsten Adressen. Die Tafel mit der Inschrift hatten die Nationalsozialisten entfernen lassen, das Haus wurde im Krieg zerstört, die gesamte Gegend im Zuge der sozialistischen Zentrumsplanungen umgestaltet.

Wer schon einmal in Berlin war, dürfte auch ein Werk des israelischen Künstlers Micha Ullman kennen: die "Bibliothek" auf dem Bebelplatz zur Erinnerung an die Bücherverbrennung. Seinem Mendelssohn-Denkmal hat Ullman ein Foto des Hauses in der Spandauer Straße zugrunde gelegt. Zwölf Granitplatten deuten auf die verlorenen Fenster des dreigeschossigen Hauses, ein Platte auf die Tür.

Lest Mendelssohns "Jerusalem"! Die Bretter, die ihr vorm Kopf tragt, werden Löcher bekommen

Mit seiner Frau Fromet lebte Moses Mendelssohn seit 1762 in diesem Haus, das der Familie des Buchhändlers und Kritikers Nicolai gehörte. Schon vorher hatten sich helle Köpfe hier getroffen: Lessing hatte auf der Flucht vor seinen Gläubigern aus Leipzig hier bei seinem "Vetter", dem unerschrockenen Zeitungsredakteur Christlob Mylius, Unterschlupf gefunden. Damals berühmte Dichter wie Johann Wilhelm Gleim und Karl Wilhelm Ramler waren Untermieter gewesen. Kurz: Die Beweglichen, Ehrgeizigen, die jungen Akademiker trafen sich hier. Wer die Geschichte des Hauses erzählt, redet von der Geschichte der Berliner Aufklärung, einer Geschichte von Freundschaften, Gesprächen, publizistischen Coups und Streitereien. Anders konnte es ja auch nicht sein, man kann sich nicht allein aufklären.

Was Moses Mendelssohn, in Friedrichs Preußen anfangs nur geduldet, ab 1763 erst mit eigenem "Schutzbrief" versehen, geleistet hat, einen Weg der Emanzipation durch Bildung, kann das Denkmal ebenso wenig zeigen wie die Angriffe christlicher Eiferer auf ihn. Und doch ist es gut, dass es endlich da ist. Berlin, das große historische Freilichtmuseum, kümmert sich um diese glänzende Periode, seine Aufklärungszeit und die Geburt der im eigentlichen Sinne berlinischen Literatur, oft nur am Rande, an Nebenschauplätzen. Das Denkmal im Herzen dessen, was einmal Altstadt war, bietet Gelegenheit, Mendelssohn wieder zum Zeitgenossen zu machen. Wer sich mit der Frage plagt, wie Aufklärung und Religion gute Nachbarschaft pflegen können, ohne aufzuhören, Religion und Aufklärung zu sein, der suche sich einen Platz in der Nähe und lese Mendelssohns "Jerusalem". Die Bretter, die man vorm Kopf trägt, werden Löcher bekommen.