Schauplatz Berlin Letzte Bilder des Palastes

Zu den Bezirken, in die sich Mitte-Berliner und Touristen eher selten verirren, gehört Weißensee. Hier ist eine Foto-Ausstellung über den Palast der Republik zu sehen, dessen letzte Reste vor sieben Jahren verschwanden.

Von Jens Bisky

Nachdem sie seinen Abriss begonnen hatten, wurde der Palast der Republik schön. Nicht länger eine Multifunktionshalle des Frohsinns, gewann er beinahe den Charakter einer Person. "Lieber Palast", sprühte jemand an die Südseite der kolossalen Ruine, "keine Angst, die bauen dich wieder auf." Kurz darauf, im Februar 2006, kamen die Kräne und machten sich ans Rückbau-Werk. 78 000 Tonnen Baumaterial waren abzutragen, der Stahl der Grundkonstruktion einzuschmelzen. Abu Dhabi kaufte ihn für neues Bauen, auch Volkswagen griff zu, für Motorblöcke des Golf VI.

Den Sprüh-Spruch der Palastfreunde kann man jetzt in der Galerie Sexauer sehen, auf einer Fotografie von Gerrit Engel. Er hat Manhattan und Marzahn fotografiert, auch Schinkels Bauten. 2006 erhielt er nach einigen Mühen die Genehmigung, während des Abrisses im Palast der Republik zu arbeiten. "Richtfest" heißt die kleine Ausstellung mit Palast-Abriss-Fotografien, eine ironische Verbeugung vor dem Schlossneubau, der am 12. Juni Richtfest feierte und sich zum Teil über dem sandgefüllten Kellerbecken des zurückgebauten Gebäudes erhebt. Alles besaß außergewöhnliche Dimensionen, die imposante Stahlkonstruktion versprach Ewigkeit, bis die Pfeiler in den Jahren der Asbestsanierung gelbe Markierungen bekamen und die Beschriftung "fertig". Sie sind auf den Fotografien von Gerrit Engel ebenso zu sehen wie Blicke hinaus in die Stadt und Szenen des allmählichen Verschwindens - aufgenommen mit Gespür für geometrische Formen. Selbst Schrauben, Sand, Betonreste wirken festlich.

Die Galerie Sexauer liegt in Weißensee, wohin Mitte-Menschen und Touristen sich selten verirren, die Gegend ist Teil jenes stillen Ostens, in den kieztreue Steglitzer oder Zehlendorfer keinen Fuß setzen. "Die DDR hat's nie gegeben", steht auf einem der Fotos, einer winterlichen Szene, an einer Mauer. Vor knapp sieben Jahren verschwanden die Reste des Republikpalastes aus dem Stadtbild, auch das Gras, das die Fläche einige Zeit bedeckte, ist inzwischen fort. Gerrit Engel erzählt in seiner Foto-Serie keine Geschichte, die Hängung folgt nicht der Chronologie. Aber jedes Foto scheint Abschied zu nehmen, still, würdig, ohne urbane Blasiertheit, Berliner Rotzigkeit, Zorn oder Besserwissertum. Seine Bilder sagen so leise Tschüss, dass man dieses Lebewohl nicht vergisst.

Am Ende des Monats werden sie wieder abgehängt, die Eichenrahmen verpackt. Im Humboldt-Schloss soll es dereinst eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes geben, auch will sich Berlin darin präsentieren. Ob nun an der einen oder der anderen Stelle - diese Stadtstillleben will man dort sehen, wo die Hohenzollern bauten, Ulbricht die Sprengung anordnete, Honecker den Palast emporwuchten ließ und jetzt die Berliner Republik ihre Selbstdarstellung erprobt.