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Schauplatz Berlin:Holm ging, sie blieben

Seit drei Wochen haben Studentinnen und Studenten das Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität besetzt. Sie protestieren gegen die Entlassung des beliebten Stadtsoziologen Andrej Holm.

In der Geschichte der Studentenproteste wird das, was derzeit an der Berliner Humboldt-Uni los ist, wahrscheinlich ein Nebenschauplatz bleiben. Seit drei Wochen haben Studentinnen und Studenten das Institut für Sozialwissenschaften besetzt, einen Altbau in bester Hauptstadtlage. Besetzt mit allem, was dazu gehört, Transparenten, Info-Ständen und Kästen voll Club-Mate. Die Stimmung ist irgendetwas zwischen WG-Party und Pfadfinderfreizeit, ansonsten wird viel gelesen und gearbeitet. Die Leute sitzen im Stuhlkreis zusammen, ein Plan informiert über Veranstaltungen (Diskurs-Workshop, Marcuse-Lesekreis, der Vortrag "Orgasmusschwierigkeiten & Revolution"), und auf einem Plakat an der Eingangstür wird - mit der Bitte, sich bei Bedarf einzutragen - gefragt: "Stören wir euch?"

Was nicht heißt, dass es den jungen Frauen und Männern nicht ernst wäre. Sie sind hier, weil sie ihren Dozenten wiederhaben wollen, den Stadtsoziologen Andrej Holm, bekannt für seine Forschung über die Gentrifizierung. Holm musste erst wegen seiner Stasi-Vergangenheit als Berliner Bau-Staatssekretär zurücktreten, dann warf ihn die Universität hinaus, weil er in einem Personalfragebogen die Unwahrheit über seine Laufbahn als Stasi-Offiziersschüler gesagt haben soll. Ob das für eine Kündigung reicht, werden Arbeitsrechtler entscheiden, so lange wollen die Studenten aber nicht warten. In Berlin wird ja schnell mal etwas besetzt, wenn es gegen die Gentrifizierung geht. Ferienwohnungen, Läden, die geräumt werden sollen, Straßen, in denen der Gerichtsvollzieher erwartet wird. Nun verteidigen die Besetzer den Gentrifizierungsgegner selbst.

"Wir machen doch nur das, was uns beigebracht wurde."

"Holm geht - wir bleiben", steht auf einer dunkelroten Stoffbahn. Überall sieht man Sofas und Matten, im Lesesaal wurde eine provisorische Küche aufgebaut, daneben sitzen Studenten und denken sich Meme aus, ohne soziale Medien läuft bei Protesten nichts mehr. Einige haben sie schon, ein Bild von Marx etwa, über dem steht: "I blamed capitalism, before it was mainstream."

Im Untergeschoss sitzen Franziska und Matthias, die nur ihren Vornamen sagen wollen. Matthias hätte dieses Semester eigentlich ein Seminar bei Holm gehabt, und er sieht nicht ein, warum solche Entscheidungen auf dem Rücken der Studenten getroffen werden. Franziska sagt, es gehe bei dem Protest auch darum, wem die Stadt gehört. Da sei es passend, dass die Leute auch hier übernachten, "denn das verknüpft sich mit dem Thema Wohnungsnot". Gerade habe sie mit einer alten Berliner Hausbesetzerin gesprochen, die das hier aber eher milde belächelt habe, nach dem Motto "es brennt ja gar nichts".

Für den Protest gibt es viel Sympathie von Stadtteilinitiativen, er hat aber auch Unmut hervorgerufen. Von der HU-Präsidentin etwa, Sabine Kunst, die in einem offenen Brief dazu aufforderte, die Besetzung zu beenden. Aber auch Kommilitonen fühlen sich gestört und beklagen, dass der Uni-Betrieb lahmgelegt sei. Sie könne das ja verstehen, sagt Franziska. Dass Leute Prüfungen machen wollen oder studieren müssen, um ihr Bafög zu bekommen. Aber es müsse doch drin sein, sich politisch zu engagieren, gerade an der Sozialwissenschaft, deren Aufgabe es sei, sich kritisch mit der Gesellschaft zu befassen. "Wir machen doch nur das, was uns beigebracht wurde", sagt Franziska, "das ist geilste Praxiserfahrung."