Schauplatz Berlin Ein Kusch im Schloss Bellevue

Der Bundespräsident möchte die Kunst des literarischen Übersetzens würdigen. Und der Schriftsteller Péter Esterházy erklärt dabei, warum er deutsch spricht, aber von deutschen Worten nicht erröten kann.

Von Jens Bisky

Kein Jubiläum drohte, kein Preis war zu vergeben, es gab keinen bestimmten Anlass, die Kunst des literarischen Übersetzens im Schloss Bellevue zu würdigen. Eben dazu aber lud der Bundespräsident am Mittwochabend. Seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, hatte ihn, wie Joachim Gauck erzählte, immer wieder dazu gedrängt. Gründe, ein helles Licht auf die Übersetzer fallen zu lassen, nannte er einige, und es war zu spüren, dass dies ein Thema ist, das den Theologen in Gauck begeistert. Übersetzungen sind möglich - und dies ein Beweis, dass es einen Sinn gibt, der allem Sein zugrunde liegt, den alle "sich sprachlich artikulierenden Wesen" erreichen und einsehen können. Politisch folgt daraus, dass es "keine absolute Fremdheit" gibt, "kein absolutes Nicht-Verstehen". Übersetzer seien, so Gauck mit Erinnerung an das Pfingstwunder, "Boten einer Welt, in der man sich verstehen kann".

Der Bundespräsident hatte eingeladen, um das literarische Übersetzen zu ehren

Dennoch werden literarische Übersetzungen meist miserabel vergütet, es fehlt an Sachkunde und Aufmerksamkeit. Darüber ist in den letzten zehn Jahren viel gestritten und geredet worden, um kleine Verbesserungen zu erreichen. Im Schloss Bellevue glückte ein Fortschritt: Selbstbewusst, ihres Könnens und ihrer Bedeutung gewiss erzählten Übersetzerinnen und Übersetzer von ihrer Arbeit. Sie taten dies - herausgefordert von dem souveränen Moderator Denis Scheck - leidenschaftlich, spielerisch, virtuos, lustvoll. Übersetzen habe etwas mit dem Theater gemeinsam, sagte Rosemarie Tietze, die Bitow, Tolstoi, Gasdanow ins Deutsche übertragen hat. Es geht um einen Auftritt, um Interpretation. Als wolle er das bestätigen, sang Frank Heibert "Black Coffee" und "I can give you anything but - books". Péter Esterházy sprach mit seiner Übersetzerin Terézia Mora über die seltsamen Verwandlungen der Bücher auf dem Weg von einer Sprache in die andere, weil sein Name auf dem Schutzumschlag etwa von "Harmonia Caelestis" stehe, im Buch aber Wörter stehen, die nicht er geschrieben habe. Esterházy spricht wunderbar deutsch - und doch bedeuten ihm die deutschen Wörter nicht mehr als sie bedeuten; anders als im Ungarischen könne er vor einem deutschen Wort nicht erröten. Der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther berichtete unprätentiös von der Herausforderung durch Hamlets Wendung "diet of worms" - Nahrung der Würmer und Reichstag zu Worms.

Jan Wagner demonstrierte dann, warum Untreue der einzige Weg sein kann, einem Dichter die Treue zu halten. "Errata" heißt ein heiter-bizarres Gedicht von Kevin Young: eine Reihe fehlerhafter Liebesfloskeln: "Baby, give me just / one more hiss". "Hiss" mit "Gezisch" wiederzugeben, hieße, die Poesie austreiben. Wagner übersetzte: "Liebste, gib mir doch / noch einen Kusch"; aus "& never get lo" wurde "& immer blei dir sein".

Das war wieder ein Beweis für Gaucks Behauptung, Übersetzungen würden die deutsche Sprache bereichern. Nach dem Programm mit musikalischen Übersetzungen und Werkstatt-Anekdoten, lud er in die "Huldigungsräume", die Übersetzer zu ehren. Abende mit ihnen gibt es seit einigen Jahren häufiger in Buchhandlungen und Literaturhäusern Berlins. Im Schloss Bellevue wurde der Trend aufgegriffen und glänzend verwandelt in festliche Geselligkeit: ein schönes Zusammenspiel von Stadt und Hauptstadt.