Festival FIND in Berlin:Poetische Dissidenz

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Festival FIND in Berlin: Absurde Choreografie der Gewalt: Szene aus "Outside", einer sarkastischen Inszenierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow.

Absurde Choreografie der Gewalt: Szene aus "Outside", einer sarkastischen Inszenierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow.

(Foto: Ira Polar/Berliner Schaubühne)

Radikal und wütend: Mit Inszenierungen von Kirill Serebrennikow aus Moskau und Alexander Zelding aus London gelingt der Berliner Schaubühne ein mitreißender Auftakt ihres "FIND"-Festivals.

Von PeterLaudenbach

Beim Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne geht ein großes Fenster zur Welt auf. Die vorige Festivalausgabe musste pandemiebedingt ausfallen, der internationale Theateraustausch ist im Lockdown weitgehend zum Stillstand gekommen. FIND liefert jetzt das Gegenmittel gegen eine Selbstprovinzialisierung des Theaters und sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, ob und wie es den Zustand der Welt zeigen kann. Das war zum Auftakt bei dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow radikal persönlich und wütend, bei dem britischen Autor und Regisseur Alexander Zeldin ist es auf leise Weise nicht weniger radikal.

Zeldin, in Frankreich und England einer der prominenten Regisseure des Gegenwartstheaters, ist hierzulande noch nahezu unbekannt. Nach seinen Gastspielen bei den Wiener Festwochen zeigt er mit "Love" sein Deutschland-Debüt. Die Szenarie könnte nicht trostloser sein: der Flur eines Übergangswohnheims des Sozialamts mit schäbiger Gemeinschaftsküche und einer einzigen Toilette für die acht Bewohner in ihren engen Zimmern. Eine vierköpfige Familie, ein Mann mit seiner alten Mutter, ein scheuer Syrer mit verkrüppeltem Bein, eine alleinstehende Frau, die nur lacht, wenn sie am Handy mit ihren Kindern spricht. Zeldin macht nicht mehr, als diesen Menschen dabei zuzusehen, wie sie Reste von Würde und Hoffnung zu bewahren versuchen.

Festival FIND in Berlin: Nüchterne Empathie: Alexander Zeldins "Love" spielt unter sozial Abgerutschten im Flur eines Übergangswohnheims.

Nüchterne Empathie: Alexander Zeldins "Love" spielt unter sozial Abgerutschten im Flur eines Übergangswohnheims.

(Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Vorsichtige Gesten der Annährung wechseln mit Abgrenzung, weil man sich mit den anderen Abgerutschten nicht gemein machen will. Die Bitterkeit entlädt sich in hilflosen Wutausbrüchen nach Bittgängen zu den Ämtern. Der Ekel der Nachbarn, wenn die alte Frau ihren Stuhlgang nicht halten kann, macht dem Mitgefühl Platz, der Scham und dem Erschrecken darüber, wie man an diesem Ort verhärtet. Die Klopapierrolle wird wie ein sorgsam gehüteter persönlicher Besitz zur Toilette mitgeführt, nicht einmal das kann man teilen.

Alexander Zeldins Inszenierung über sozial Deklassierte ist beklemmend - und sie ist warmherzig

Das ist von Menschen aus der unteren Mittelschicht vier Jahrzehnte nach Thatchers neoliberalem Regime übriggeblieben: Insassen von schäbigen Notunterkünften, die sich das Weihnachtsessen von einer Lebensmittel-Tafel holen müssen, Büchsengemüse und Kekse mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Die Zwangsräumung nach einer Mieterhöhung hat genügt, um die kleine Familie in diese Endstation zu spülen. Die alte Frau und ihr tapsiger Sohn reden ständig davon, noch einmal ans Meer zu fahren. Aber natürlich wissen sie, dass es nie mehr dazu kommen wird.

Zeldin zeigt keine theaterklischeeübliche Freakshow der Deklassierten, sondern höfliche Kleinbürger, die sich immer an die Regeln gehalten haben. Nur waren die Regeln nicht für sie gemacht. Auf dramatische Zuspitzungen, Sozialkitsch oder Anklage-Parolen kann Alexander Zeldins Theater der nüchternen Empathie verzichten. Umso beklemmender wirkt seine Inszenierung, die man am besten mit einem altmodischen Wort beschreibt: warmherzig. In den 90 Minuten der Aufführung lernt man Emma, Paig, Jason, Colin kennen, freundliche, erschöpfte Leute, die von einem kaputt gesparten Sozialstaat keine große Hilfe, aber jede Menge Demütigungen zu erwarten haben. So viel zu den Risiken und Nebenwirkungen westlicher Gesellschaften.

Heftiger geht es weiter östlich zu. In Moskau hat Kirill Serebrennikow, einer der wichtigsten Theaterkünstler Russlands, seinen jahrelangen Hausarrest mit einer sarkastischen Inszenierung beantwortet: "Outside". Der Hausarrest, die Willkürstrafe einer zum politischen Machtinstrument verkommenen Justiz, ist inzwischen aufgehoben, ins Ausland reisen darf der Regisseur immer noch nicht. Serebrennikow neigt nicht zur Larmoyanz, dass ihn die Obrigkeit für einen "Dieb", eine "Schwuchtel", einen "Staatsfeind" hält, kommentiert sein Doppelgänger auf der Bühne mit Spott: "Klingt doch gut." In der Isolation der eigenen Wohnung wird ihm sein Schatten zum wichtigsten Gesprächspartner. Aus dem Räumkommando der Polizei, die den Künstler wie ein Spielzeug umherwirbelt, betascht, auf den Kopf stellt, wird eine absurde Choreografie der Gewalt - eine Staatsmacht, die das nötig hat, ist grotesk, also gleichzeitig erschreckend und lächerlich.

"Outside" erinnert an den chinesischen Undergroundkünstler Ren Hang, der seine Freunde nackt fotografierte

In einer lustigen Rachefantasie zwingt der drangsalierte Künstler zwei der Polizisten, fettleibige Dumpfbacken, einander den Penis grün anzumalen. Die Inszenierung nimmt Fahrt auf, als sie sich dem chinesischen Undergroundkünstler Ren Hang zuwendet, einem Dichter und Fotografen jenseits aller Ideologie. Seine Antwort auf die Diktatur: Er fotografierte seine Freundinnen und Freunde nackt in seinem Appartment, gerne mit großen Blumen in Anus und Vagina - ein chinesischer Mapplethorpe. Der Staat reagierte mit Verhaftung und einer Anklage wegen Pornografie. Als Hommage an Ren Hangs Kunst stellen die Tänzer und Performer seine Fotos nach, begleitet von einem mitreißenden Techno-Soul-Groove. Einerseits: existenzverlorener Hedonismus der krasseren, melancholisch grundierten Art. Andererseits: pure Dissidenz mit Mitteln der Poesie.

Serebrennikow war von Ren Hang fasziniert, sie hatten sich zu einer Arbeit verabredet. Zwei Tage vor ihrem Treffen im Februar 2017 stürzte sich der 29-jährige, unter Depressionen leidende Dichter in Peking aus dem Fenster seines Hochhausappartments. Dass Serebrennikow ihm mit der Inszenierung ein liebevolles Porträt widmet und seine eigene Hausarrest-Isolation vorsichtig mit Hangs cooler Radikalität kurzschaltet, ist eine Geste von großem Respekt, großer Ratlosigkeit und noch größerer Wut.

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