"Schachnovelle" im Kino:Spiel ums Leben

Die Schachnovelle; Die Schachnovelle
Filmstills "Schachnovelle" (Kinostart am 23.9.21); © Studiocanal

Als das Leben noch schön war: Bartok ( Oliver Masucci ) tanzt mit Anna ( Birgit Minichmayr ).

(Foto: Julia Terjung/Studiocanal)

Regisseur Philipp Stölzl hat Stefan Zweigs "Schachnovelle" neu fürs Kino adaptiert. Ist sein Film vielleicht sogar besser als das Buch?

Von Nicolas Freund

Literaturverfilmungen haben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wenn es am Ende nicht heißen soll: Nett, aber das Buch war besser. Entweder sie emanzipieren sich souverän von der Vorlage, dann stört sich auch niemand an den Änderungen. Das wäre beispielsweise die Methode von Stanley Kubrick, siehe "The Shining" oder "Barry Lyndon". Oder die Filmemacher versuchen, die Schwächen der Vorlage auszubügeln. Dafür braucht es ein nicht geringes Maß an Selbstbewusstsein. Der Regisseur Philipp Stölzl wollte bei seiner Verfilmung von Stefan Zweigs "Schachnovelle" wohl sichergehen und hat sich deshalb für eine Mischung dieser beiden Ansätze entschieden.

Wobei die Frage ist, ob man sich mit der Verfilmung der "Schachnovelle" als Regisseur überhaupt einen Gefallen tut. Das erstmals 1942 erschienene Büchlein ist ein wahnsinniger Erfolg, alleine die Fischer-Taschenbuchausgabe wurde weit über zwei Millionen Mal verkauft. Es ist seit Jahrzehnten Schullektüre. Gleichzeitig ist die "Schachnovelle" aber eines der rätselhaftesten Werke der deutschen Literatur geblieben, woran auch die Verfilmung von Gerd Oswald aus dem Jahr 1960 mit Curd Jürgens in der Hauptrolle nichts geändert hat.

Der ohnehin ausgezeichnete Hauptdarsteller Oliver Masucci war vielleicht noch nie so gut wie hier

Schon die Frage, worum was es in diesem kurzen Text überhaupt geht. Ja, es wird Schach gespielt. Das Setting auf einem Passagierdampfer zwischen New York und Buenos Aires ist sehr spezifisch, und die schrägen Figuren erst: Am Schachbrett duelliert sich der animalische Weltmeister Czentovic, ein Primitivling, der außer zum Schachspiel zu kaum etwas in der Lage ist, mit dem von den Nazis an den Rand des Wahnsinns gefolterten Intellektuellen Dr. B., der sich das Schachspielen in Isolationshaft selbst beibrachte. Wenn es in diesem Büchlein nur um das Schachspiel ginge, dann bräuchte es dieses Drumherum nicht unbedingt. Folglich muss es um etwas anderes gehen. Nur um was?

Die Novelle wirkt unentschieden, es könnte um den Widerstand gegen den Faschismus gehen, um eine psychologische Studie oder um eine Philosophie des Schachs. Die gängigste Lesart ist folgende: Es geht um den Untergang des europäischen Intellekts, der den Barbareien der Nazis und der neuen Welt, die sie geschaffen haben, nicht mehr gewachsen ist. Der Text ist deshalb auch teilweise autobiografisch zu verstehen. Stefan Zweig landete selbst auf der Flucht vor den Nazis 1941 in Südamerika. Auf Portugiesisch bedeutet Xadrez, das Wort für Schach, auch Knast. Die Welt ist für ihn einfach und schwarz-weiß geworden, wie ein Schachbrett, eine "einmalige Abbreviatur der Welt", wie es der Erzähler im Text formuliert. Zweig nahm sich am 23. Februar 1942 im brasilianischen Exil das Leben, was von anderen europäischen Intellektuellen überrascht aufgenommen wurde. Thomas Mann notierte in seinem Tagebuch, was er von Zweig hielt (nicht viel), und fügte hinzu: "Ich erkenne nicht, daß, was dahin geht, meine Welt war."

Stölzl hat für seine Neuverfilmung dieses eigenartigen Werkes nun die Perspektive gewechselt. Seine Hauptfigur ist kein namenloser Erzähler, sondern Dr. B., den er zu Bartok ausbuchstabiert hat, gespielt von Oliver Masucci. Ein Anwalt, der seine Frau Anna (Birgit Minichmayr), moderne Kunst und die Wiener Gesellschaft liebt. Die Villa, die Bälle und später den Ozeandampfer zeigt Stölzl, wie auch schon bei seiner Verfilmung des Bestsellers "Der Medicus", als detailverliebte und stimmige, aber nie verkitschte oder übertrieben romantisierte Kulissen, die manche Szene alleine tragen könnten. Das ist auch wichtig, denn sie müssen mit dem kargen Hotelzimmer kontrastieren, in dem ein großer Teil des Films spielt. Stölzl und Drehbuchautor Eldar Grigorian haben eigentlich nicht wirklich die "Schachnovelle" verfilmt, sondern eher die Binnenerzählung Dr. B.'s von seiner Folter durch Isolationshaft, die etwa ein Drittel des Textes ausmacht. Das ändert natürlich den Fokus und die Aussage der Geschichte.

Kinostart - 'Schachnovelle'

Oliver Masucci als Josef Bartok in der Neuverfilmung der "Schachnovelle".

(Foto: Julia Terjung/dpa)

Das Schachspiel, mit dem Bartok versucht, nicht den Verstand zu verlieren, ist kein Symbol für eine farblos und primitiv gewordene Welt mehr, sondern steht für den geistigen Widerstand gegen die Methoden der Nationalsozialisten. Die Grausamkeiten dieser zunächst so harmlos erscheinenden Foltermethode darzustellen, verwendet der Film viel Zeit. Albrecht Schuch gibt einen kultivierten Folterknecht von verstörender Freundlichkeit, der aus Bartok die Daten der von ihm verwalteten Vermögen herausbekommen möchte. Oliver Masucci trägt den Film mit seinem Spiel dieses feingeistigen Menschen, der langsam, aber sicher von den Grausamkeiten vernichtet wird, der immer fahriger und schwitziger wird, der sich schließlich, eingefallen wie ein Gespenst, mehr tot als lebendig, auf den Dampfer rettet, der im Film auch von Rotterdam nach New York fährt und nicht nach Südamerika. Es ist Masuccis vielleicht beste Darstellung bisher. Die Auslöschung eines europäischen Intellektuellen hat der Film damit als Thema nicht aufgegeben. Er zeigt sie in all ihrem Schrecken, oft beklemmend deutlich, bettet sie aber ein in die Möglichkeit, Widerstand zu leisten. Eine Vorstellung, die Zweigs Vorlage höchstens andeutet.

Das soll Zweig nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es gibt keine Heldenpflicht. Aber wo der Text der "Schachnovelle" bis zur Beliebigkeit vage bleibt, haben sich Stölzl und Grigorian für eine klarere Haltung entschieden, ohne aber die Motive und Themen der Vorlage aufzugeben. Am Ende geben sie der ganzen Geschichte noch eine dramatische Wendung, die man als Zuschauer schon geahnt hat, die aber sogar als Deutungsansatz für die Buchvorlage taugen könnte. Die Neuverfilmung der "Schachnovelle" ist einer der seltenen Fälle, in denen es der Film geschafft hat, die Vorlage nicht nur hinter sich zu lassen, sondern sie zu übertreffen.

Schachnovelle - Deutschland 2021. Regie: Philipp Stölzl. Buch: Eldar Grigorian. Kamera: Thomas W. Kiennast. Mit: Oliver Masucci, Birgit Minichmayr, Albrecht Schuch. Studicanal, 110 Minuten.

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