Süddeutsche Zeitung

Schach-WM:Warum uns diese Schach-WM so fasziniert

Seit zweieinhalb Wochen sitzen sich Magnus Carlsen und Sergej Karjakin gegenüber und starren auf 64 Felder. Sie sind die größte Antithese zu unserer hypernervösen Zeit.

Irgendwas ist passiert. Man merkt es in den Nachrichten, man hört es in der U-Bahn, man spürt es in den Kneipen. Schach, Schach, immer wieder Schach. Eine Milliarde Zuschauer, so sagt es zumindest der Weltschachverbund FIDE, verfolgen heute Abend die Entscheidung bei der Schach-Weltmeisterschaft. Eine irre Übertreibung. Aber selbst wenn man die Hälfte abzieht oder sogar zwei Drittel: Ja, wir sind begeistert, wir Laien, wir Unwissende, wir Möchtegernspieler. Wir sind im Schachfieber. Warum?

Es gibt in unserer bis in den letzten Winkel vermessenen Welt kaum eine größere Freiheit als Schach. Dieses geheimnisvolle Spiel, das nie ein Mensch perfekt beherrschen wird. Schach, das ist das stille Ringen der Gedanken in einer hypernervösen Welt.

Beginnen wir mit einer Pose. Sie scheint wie aus der Zeit gefallen, durch die Kulturgeschichte des Denkens gerieselt, direkt nach New York, in den Old Fulton Fish Market, an das Brett dieser Schach-WM. Seit zweieinhalb Wochen sehen wir zwei jungen Männern, beide 26, beim Nachdenken zu: Magnus Carlsen und Sergej Karjakin. Den Kopf in die Hände gestützt, das Kinn in die aufgefächerte Hand gebettet. Manchmal legen sie Finger wie Scheuklappen an die Schläfen. Zwei lebende Denkerfiguren, wie sie der Bildhauer Auguste Rodin nicht schöner hätte schaffen können.

Gibt es eine größere Antithese zu unserer Zeit als diese Schach-WM?

So sitzen sie nun da, die Schach-Titanen Carlsen und Karjakin. Manchmal vier Stunden, manchmal sechs. Und dann, von Zeit zu Zeit, fährt Leben in diese Arme: ein Zug. Minutenlanges Grübeln verdichtet sich in einer Bewegung. Das Denken materialisiert sich. Schachspieler mit Erfahrung mögen über diesen Gedanken lachen. Aber für die Schach-Sterblichen ist diese Weltmeisterschaft eine Zauberwelt. Eine Zauberwelt in einer längst entzauberten Welt, blinkend und vibrierend, gierend nach Ablenkung, grell und laut.

Gibt es eine größere Antithese zu unserer Zeit als zwei Männer, einen Norweger und einen Russen, die zwei Wochen lang auf 64 Felder schauen, Figuren rücken, die aus dem Mittelalter stammen, Züge ziehend, die vor vielen Jahrzehnten schon einmal gespielt wurden, von Menschen, die im Westen niemand fehlerlos aussprechen kann? Schach-WM, das ist, als würde man aus unwissender Entfernung einem erhabenen, aber letztendlich erratischen Naturschauspiel beiwohnen. Nicht einmal die Trainer der großen Schach-Genies verstehen, was hier passiert. Magnus Carlsen sagte im SZ-Interview vor wenigen Wochen: "Manchmal bin ich schon frustriert. Du willst ein Schachproblem besprechen, aber es gibt niemanden, der dich versteht. Selbst mein Trainer wird nicht verstehen, was ich meine. Aber zumindest wird er verstehen, dass es wichtig für mich ist."

Zwei Wochen lang saßen Carlsen und Karjakin einfach da, aber wenn man wollte, konnte man den Funkenschlag bemerken, den sublimierten Kampf, das Ringen zweier großer Denker, wie sie Zug um Zug ihre Gedanken in das Schachbrett hieben. Sergej Karjakin, ein Milchgesicht, ein Entfesselungskünstler wie der ungarische Houdini. Mehr als einmal entwand er sich dem Würgegriff der Boa Constrictor Magnus Carlsen, Mozarts des Schachs genannt, von vielen als überirdisch betrachtet, bis er im achten Spiel dann die Nerven verlor. Albert Einstein sagte einmal: "Das Schach hält seine Meister in eigenen Banden."

Und was für Meister das waren: Wilhelm Steinitz, der erste Schachweltmeister, landete in einer Nervenheilanstalt und wollte gegen Gott spielen. Bobby Fischer zog sich nach dem gewonnen Titel 1972 sofort schlagartig zurück. Und Marcel Duchamp, eigentlich Konzept-Künstler, einer der wichtigsten des frühen 20. Jahrhunderts, kehrte der Kunst den Rücken, um sich von diesem Moment an ausschließlich mit Schach zu beschäftigen: "Alles um mich herum nimmt die Gestalt eines Königs oder einer Dame an."

Irgendwann in der zweiten Hälfte dieser Weltmeisterschaft sagte die Kommentatorin und Schachspielerin Judit Polgár einen Satz, der wie eine Verheißung klingen musste: "Something will happen today." Heute wird etwas geschehen. Was da war, haben wir Schach-Laien dann aber gar nicht bemerkt. War auch egal. Denn ganz gleich, wer diesen Wettkampf für sich entscheidet: Wir haben ein großartiges Naturschauspiel des Geistes erlebt. Wir waren Teil der größten medialen Zen-Übung des Jahres.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3274441
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/doer/stein
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.