"Satin Island" von Tom McCarthy Jetlag der Jetztzeit

Ein Flughafen-Terminal, ein Fähranleger: "Satin Island" beginnt und endet an den transitorischen Nicht-Orten, die für unsere Zeit charakteristisch sind.

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Wie kann man die eigene Gegenwart beobachten, wenn man ein Teil von ihr ist? In "Satin Island" beschreibt Tom McCarthy unsere Epoche als flimmernde Zwischenzeit - ein grandioses Buch.

Von Carlos Spoerhase

Man könnte die Besprechung des neuen Buches von Tom McCarthy, der mit "8 ½ Millionen" eines der grandios beklemmendsten Erzählwerke der letzten Dekade geschrieben hat, so beginnen: "Satin Island" ist der neue Roman von Tom McCarthy. In diesem Roman wird der Protagonist "U." (You), ein promovierter Ethnologe, von seinem in London ansässigen Arbeitgeber beauftragt, einen "Großen Bericht" über die Gegenwart zu schreiben.

Zu diesem Zweck reist er nach Turin, Paris, Budapest, Stockholm, Frankfurt am Main und schließlich nach New York. Während seiner weltumspannenden Recherchen lernt er eine Frau kennen, verliert einen Freund und beginnt, an seinem Auftrag zu zweifeln. Das alles wäre nicht falsch.

Nur: "Satin Island" ist kein Roman. Jedenfalls nicht in einem unproblematischen Sinne. Im Gegensatz zur deutschen Übersetzung enthält der Umschlag der amerikanischen Erstausgabe einen Hinweis auf diesen Sachverhalt. Dort stehen die folgenden sechs Gattungsbezeichnungen: A Treatise, An Essay, A Report, A Confession, A Manifesto, A Novel, wobei alle Begriffe mit Ausnahme von "A Novel" durchgestrichen sind. Ist der "Roman" hier also das Verlegenheitsgenre, das für ein Prosawerk übrig bleibt, wenn sich alle anderen Charakterisierungen als ungeeignet erwiesen haben?

Nicht-Essay, Nicht-Bericht, Nicht-Bekenntnis

McCarthys Nicht-Abhandlung, Nicht-Essay, Nicht-Bericht, Nicht-Bekenntnis oder eben Nicht-Manifest legt keinen großen Wert auf Plot oder Figurenzeichnung. Anstelle einer durchgehenden Handlung finden sich komplex komponierte Reflexionsszenen. Und "U." ist weniger der Erzähler-Protagonist als vielmehr eine Figur, die selbst als Reflexionsform verstanden werden muss. Zudem sind die mit Dezimalzahlen versehenen, von 1.1. bis 14.12. fortlaufend nummerierten Absätze des Buches keine konventionellen Romankapitel, sondern erinnern an das bürokratische Genre des Memos.

"U." schreibt solche Memos für ein weltweit operierendes Beratungsunternehmen, das in "Satin Island" einfach "die Firma" genannt wird. Als studierter Ethnologe soll er für das Unternehmen die Gegenwart beobachten, aktuelle globale Tendenzen registrieren und Zukunftsszenarien entwickeln. Megatrends und Paradigmenwechsel auszurufen ist dabei ebenso Teil des Geschäftsmodells, wie permanent neue, immer nur in Großbuchstaben auftretende Begriffe zu prägen, die einen Universalschlüssel zum Verständnis der Gegenwart liefern sollen.

Diese Substantive wie "Narrativ", "Migration", "Mutation" oder "Superzession" versprechen, das eine entscheidende Wort zu sein, das unsere Situation vollständig erfasst. Nur könnten diese Begriffe letztlich auch "Rosebud" und "Rumpelstilzchen" lauten oder eben "Satin Island" - ein merkwürdiges Wort, das "U." in einem Traum erscheint.

"U." ist Teil eines Unternehmensbereichs, der sich seit etwa einem Jahrzehnt unter dem Namen "Corporate Anthropology" tatsächlich etabliert hat. Internationale Unternehmensberatungen und Großkonzerne leisten sich eigene Abteilungen mit Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die nichts anderes tun, als die Gegenwart zu beobachten, die aktuellen Arrangements kultureller Formen zu erkunden und nach einer geheimen Geometrie unserer unordentlichen Alltagswelt zu fahnden.

Automobilunternehmen heuern heute vielköpfige "Kontext-Design-Teams" an, die ein Szenario genau der Zukunftswelt erstellen sollen, in der fünf Jahre später das nächste Oberklassenmodell umherfahren soll. Und selbst im Bundeskanzleramt arbeitet seit Februar vergangenen Jahres eine Projektgruppe "Wirksam regieren", für die anthropologisch geschulte Referenten gesucht wurden.

Wo hört das Eigene auf und wo fängt das Fremde an?

"Satin Island" ist aber nicht nur eine kritische Reflexion darüber, dass die an Universitäten gelehrten Verfahren der kulturellen "Kontextualisierung" mittlerweile hauptsächlich für die Gestaltung von Dienstleistungen und Produkten gebraucht werden. Vielmehr nährt die Lektüre den Verdacht, dass sich heute die besten Gegenwartsdiagnosen eben nicht mehr im Feuilleton oder in Merve-Bändchen finden lassen, sondern in den internen Memos finanziell bestens ausgestatteter Unternehmensabteilungen. In "Satin Island" wird "U" mit der Aufgabe betraut, einen "Großen Bericht" zu schreiben, der die Gegenwart erfassen und ihre grundlegenden Muster freilegen soll.

Damit fangen die Probleme jedoch an. Denn wie soll man einen solchen Bericht über die Gegenwart schreiben, wenn man selbst Teil dieser Gegenwart ist? In der klassischen Ethnologie gibt es, wie "U." immer wieder betont, eine genaue Grenzziehung zwischen dem "Feld" und dem "zu Hause". So halten es auch die Heroen des Fachs: Bronisław Malinowski reiste zu seiner Zeit von London in die Südsee, Claude Lévi-Strauss von Paris nach Südamerika.

Wo aber hört in der gegenwärtigen Kultur das Eigene auf und wo fängt das Fremde an? "U." fragt sich, ob er die Freunde, mit denen er im Rahmen seines Dissertationsprojekts zur Ethnografie der Klubkultur abends tanzen ging, als "Informanten" bezeichnen darf: Was tun, wenn die Grenzen zwischen Beobachtung und Teilnahme vollständig verschwinden? "Zählt Sex, den du mit einer Informantin im Lycra-Minirock um fünf Uhrmorgens auf deinem Schreibtisch hast, während ihr beide auf einem Trip seid?"

Ist das noch "Forschung"? McCarthys "U." ist klar, dass es eine Distanz zwischen Beobachter und Gegenstand geben muss, wenn man als Wissenschaftler arbeiten möchte, aber wie bemisst sich diese Distanz? Lässt sie sich in Kilometern oder in Tagen berechnen? Reicht ein Jahr oder nur ein Jahrhundert aus, um diese Distanz herzustellen? Es genügt jedenfalls nicht mehr, wie noch Lévi-Strauss einen Ozean zu überqueren.

Denn die Reise über den Ozean führt nicht mehr zwangsläufig zu einer Begegnung mit dem schlechthin anderen, sondern nur in eine von sehr vielen ausgedehnten Übergangszonen, die weder ganz das Eigene noch das ganz Fremde sind. Auch die temporalen Ordnungen sind zunehmend durch Interferenzen charakterisiert. Unsere Moderne ist für "U." ein "bewegliches Mischverhältnis".