Sarrazin und die Gene Verschenken geht nicht

"Wie lautet sie denn? Was können wir daraus lernen? Lässt sich das übertragen? Sagen Sie es mir, bitte", flehte er inständig.

Ich schluckte: "Ich kann das nicht so einfach erzählen. Ich muss - ich muss Sie erst etwas fragen."

"Fragen Sie mich, was Sie wollen."

"Wenn Sie einem Juden begegnen, was riechen Sie dann?", fragte ich.

Die Frage brachte ihn sichtlich in Verlegenheit. Nach einigen Sekunden erwiderte er: "Ich weiß nicht, ob ich darauf antworten sollte."

"Seien Sie ehrlich", sagte ich. "Ich kann die Wahrheit ertragen."

"Fisch", antwortete Sarrazin daraufhin. "Hering. Juden riechen nach Hering, wenn man dicht neben ihnen steht."

"Genau", bestätigte ich. "Hering. Unsere Intelligenz hat nichts mit Genen zu tun. Und nichts mit Hühnersuppe."

Ich öffnete mein Sakko und zog ein Plastiktütchen aus der Innentasche. Das hielt ich ihm hin.

"Eine Fischgräte", sagte Sarrazin.

"Von einem Hering", konkretisierte ich. "Wir Juden haben immer eine Heringsgräte bei uns. Hering schmeckt nicht nur gut, am besten mit rohen Zwiebeln, damit der starke Fischgeruch von einem anderen starken Geruch übertönt wird, sondern es steigert auch die Hirnfunktion um den Faktor hundert, wenn man eine Heringsgräte bei sich trägt. Das tun wir seit Jahrhunderten. Seit wir von den Römern aus unserem Königreich vertrieben wurden und uns in Europa angesiedelt haben."

Sarrazin starrte mich an, ausdruckslos, ohne eine Miene zu verziehen.

"Kann ich diese Heringsgräte von Ihnen haben?"

Ich schüttelte den Kopf: "Nein, das verstößt gegen alle Prinzipien. Verschenken geht nicht. Kein Jude gibt so einfach seine Heringsgräte her. Niemals. Ich könnte höchstens ..." ich zögerte.

"Was?", fragte Dr. Sarrazin.

"Ich könnte sie Ihnen verkaufen", schlug ich leise vor.

Sarrazin nickte, öffnete dann seine Aktentasche und zog ein klassisches Scheckheft hervor. Wieder zückte er seinen Füllfederhalter. Die Feder über dem aufgeschlagenen Scheckbuch, schaute er mich fragend an. "Wie viel?"

"Sie überfallen mich ein bisschen. Ich habe nie über den Preis meiner Heringsgräte nachgedacht", stammelte ich.

"Ich möchte Ihre Heringsgräte kaufen. Sie ist mir einiges wert. Und zur Geheimhaltung habe ich mich doch gerade schon verpflichtet. Was hielten Sie von zehntausend Euro?"

Ich fühlte, wie mein Herz einen Hüpfer machte. Aber ich beherrschte mich.

"Hm, wenn Sie noch eine Null dranhängen ..."

Dr. Sarrazin schrieb auf der Stelle einen Scheck über einhunderttausend Euro aus. Er reichte ihn mir. Ich schob ihm das Plastiktütchen mit der Heringsgräte hin. Er nahm es wie ein kostbares Juwel in die Hand.

"Das ist also das Geheimnis des jüdischen Intellekts", flüsterte er, während er die Heringsgräte geradezu verliebt betrachtete. Doch gleich darauf funkelte er mich an: "Was bin ich doch für ein Idiot", sagte er mit strenger Stimme. "Für hunderttausend Euro hätte ich mir gut fünfzigtausend Heringe kaufen können. Nein hunderttausend. Mitsamt Gräten."

Ich lächelte: "Sie reagieren schnell, Dr. Sarrazin. Die Heringsgräte tut bei Ihnen sofort ihre Wirkung. So schnell ist noch keiner auf jüdisch klug geworden."

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht: "Verdammt, Sie haben recht."

Er reichte mir die Hand.

"Ich bin jetzt so klug wie ein Jude", sagte er stolz und steckte das Plastiktütchen mit der Heringsgräte in seine Innentasche, wo ich sie auch getragen hatte. "Es sind also nicht die Gene, sondern es ist die Heringsgräte."

Ich nickte: "Absolut. Aber bitte kein Wort darüber."

"Ich werde schweigen", beteuerte er.

"Und falls je irgendwer das Thema jüdischer Intellekt anschneiden sollte, sagen Sie einfach: Die Juden haben ein Intelligenz-Gen. Denn wir wollen doch nicht, dass irgendwann womöglich alle Welt eine Heringsgräte bei sich trägt. Da verlieren wir doch unseren Klugheitsvorsprung."

"Ein jüdisches Gen", murmelte Sarrazin schmunzelnd und klopfte sich auf die Brust.

So war das. Man kann mir eine Menge vorwerfen. Oder vielleicht kreidet man es auch dem Reservierungscomputer der DB an, dass wir jetzt mit diesem Skandal um Thilo Sarrazin zu tun haben. Er kann ja nicht mit der Wahrheit um die jüdische Klugheit herausrücken, das hat er mir versprochen. Doch ich biete ihm hiermit die Gelegenheit, die Karten aufzudecken. Er darf die Heringsgräte vorzeigen, die ich ihm verkauft habe.

Was ich ihm nicht erzählt habe, ist, dass diese Heringsgräte speziell präpariert ist, und zwar mit einer Substanz, die nur Juden herstellen können und deren Zusammensetzung nur Juden kennen. Es hat also keinen Sinn, einfach irgendeine Heringsgräte in ein Plastiktütchen zu tun und sie mit sich herumzutragen. Da das Geheimnis nun öffentlich geworden ist, bin ich bereit, jedem Interessenten eine Heringsgräte zum Sonderpreis von fünfzigtausend Euro pro Stück zu verkaufen. Beim Kauf von zehn erhalten Sie eine elfte gratis.

Und achten Sie mal darauf, wenn Sie ganz nah an Sarrazin stehen, werden Sie Hering riechen. Wie bei einem Juden.

Sie fragen sich, was ich mit den Hunderttausend gemacht habe, die ich von Dr. Sarrazin bekam? Das darf ich nicht enthüllen. Aber wenn Sie meinen Porsche Targa 4S sehen, haben Sie eine Ahnung davon.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.